Jesus, Maria & Heißkleber: Ohne Krippe kein Weihnachten

Mit Holz, Herz & Heiligenschein: Bis zu 1.000 Stunden im Jahr stecken Mitglieder des Krippenvereins Stein an der Enns in ihr Hobby. Zwischen Styropor und gefärbten Sägespänen entsteht ein Stück stille Freude für Generationen. Über Ingenieurskunst im Kleinformat und die Kunst der Geduld – zu Besuch in der Werkstatt, in der Weihnachten entsteht.

Weihnachten, das ist hier ein Ganzjahresbetrieb. Schon im adventlich geschmückten Stiegenhaus riecht es nach Heißkleber, Gips und Vorfreude. Oben, im ersten Stock der Volksschule Stein an der Enns, ist heiter-aufgeregtes Kinderlachen zu hören, aber nichts von Schulalltag zu spüren. Den gesamten Stock haben die Mitglieder des Krippenvereins Stein an der Enns zu einer weihnachtlichen Schatzkammer umgebaut, in der Herz und Handwerk ganzjährig Hand in Hand gehen. Zwischen Werkbänken, Sägespänen und kleinen Bergdörfern im Miniaturformat gipsen Luisa, Emma, Elisa und Kevin sorgfältig ihren Weihnachtskrippen-Rohbau ein, während im Hintergrund „Driving Home for Christmas“ läuft. Hier wird viel mehr als bloß gebastelt – hier wird ein Stück Erinnerung gebaut.

Baumeister mit 800 Krippen Erfahrung

Gegründet 1999 von ein paar Enthusiasten, hat sich der Verein zu einem der aktivsten Krippenzentren der Steiermark entwickelt. „Es geht uns darum, diese Volkskultur und den religiösen Sinn dahinter zu erhalten – und in Gemeinsamkeit etwas Neues zu schaffen“, erklärt Obmann Gerald Gerhardter. Heute zählt der Verein rund 95 Mitglieder zwischen 11 und 96 Jahren aus dem gesamten Ennstal. Gerhardter selbst verbringt 800 bis 1.000 Stunden pro Jahr mit Krippen – Urlaub, Abende, Wochenenden inklusive. „Ich glaube, es gibt kaum einen Tag im Jahr, an dem ich nicht irgendetwas mit Krippen zu tun oder ein Bauteil in der Hand habe.“ Stille Nachtschicht lässt grüßen.

Seit vielen, vielen Jahren an seiner Seite: Krippenbaumeister Adi Barazzutti, wie Gerhardter gelernter Tischler. Mindestens 80 Krippen hat er selbst gebaut, bei rund 800 Krippen hat er als Kursleiter an deren Entstehung mitgewirkt. Wobei der Pensionist gleich betont: Man muss im echten Leben kein Baumeister sein, um eine wunderschöne Krippe bauen zu können. „Wenn’s jemand nicht kann – dann ist der Kursleiter nicht gut genug.“

Adi Barazzutti wurde in Innsbruck (Tirol ist wie Italien das Zentrum der Krippenbaukunst) über vier Jahre zum Krippenbaumeister ausgebildet, er war von Anfang an dabei, als die Kurse in Stein an der Enns 2001 starteten. Während der Pensionist viele Erwachsenenkurse leitet, betreut ÖBB-Betriebsrat Gerald Gerhardter die Kinderkurse der Nachwuchs-Baumeister. Bis auf ein bisserl Aufwandsentschädigung ist die Arbeit der Kursleiter komplett ehrenamtlich.

Generell wichtig im Ingenieurswesen der Krippenbaukunst: Die Kunst des Improvisierens: Styropor bekommt mit Drahtbürste und Beize Holzoptik, von Eichhörnchen abgenagte Fichtenzapfen werden zu Baumstämmen für Palmen. Beim 5komma5sinne-Selbstversuch haben wir aus Schilfblüten durch Behandlung mit Leimkleber und grün gefärbten Sägespänen Zypressen gefertigt. „Ich kann aus allem was machen“, sagt Gerald Gerhardter mit funkelnden Augen. In Italien habe er sich viel abgeschaut – auch YouTube-Videos sind eine wahre Fundgrube für Tipps und Tricks zum Krippenbau.

Im Gang vor der Werkstatt reiht sich eine Vitrine an die nächste. Hinter den Glastüren verbirgt sich so etwas wie das allumfassende Ersatzteillager und Ausstattungsmöbelhaus im Miniaturformat. Hier gibt es vorgefertigte Holzbänke genauso zu kaufen wie Heuwägen und Leitern, aber auch Orientalisches wie Mini-Teppiche oder Steinsäulen. Und natürlich Ochs und Esel.

Jeder kann Krippen bauen. Wenn nicht, ist der Kursleiter nicht gut genug.

Adi Barazzutti, Krippenbaumeister

Weihnachtliche Wiederholungstäter

Zweimal pro Woche vier Stunden, sieben Wochen lang – so läuft ein Erwachsenen-Krippenbaukurs in Stein an der Enns. Bei Kinderkursen kommen die Jüngsten siebenmal samstags freiwillig in die Schule. Schritt für Schritt arbeiten sie sich vom Styroporblock zum Weihnachtswunder vor – wobei Erwachsene alles selbst bauen und Gerald Gerhardter in bester Systembau-Manier für Kinder manch gefährliche Sägearbeit vorab erledigt.

Viele Krippenbauer sind „Wiederholungstäter“ im besten Sinne. Toni Berger zum Beispiel hat im Frühjahr 2025 an seinem ersten Krippenbaukurs teilgenommen, mittlerweile arbeitet er an Bauwerk Nummer vier. Stolz präsentiert er uns sein eineinhalb Meter großes Erstlingswerk: Fensterstöcke und Türen hat er aufwendig aus Holz gezimmert. Akribisch im Hintergrund verlegte Kabel führen zu LED-Lampen, die an antike Fackeln erinnern sollen. Zu den 70 Stunden im Kurs „kamen zu Hause sicher nochmals 100 Stunden Arbeit hinzu“. Seine leuchtenden Augen verraten: Die Baupläne für weitere Krippen hat er schon im Kopf.

Zwischen Humor und Hochachtung

An diesem Vormittag sind drinnen in der Werkstatt die vier jungen Baumeister Luisa (12), Kevin, Emma und Elisa (alle 13 Jahre alt) am Werk. Luisa findet: „Voll cool – Papa hat auch schon eine gebaut.“ Akribisch ist sie gerade beim Dachdecken – mit geschnittenen und gebeizten Holzschindeln. Während Emma gerade Gips anrührt und dafür zusätzlich Wasser, Sägespäne und Gefühl verwendet, „verputzen“ ihre Freundin Elisa sowie Kevin ihren jeweiligen Rohbau mit Gipsmaterial.

Gerald Gerhardter (oft sind seine Frau und seine Tochter auch dabei) leitet die Kinderkurse mit Geduld und Humor. „Man muss die Kinder dort abholen, wo sie stehen“, sagt er. „Die Fensterstöcke und Modelle bereite ich vor – sie sollen sich aufs Gestalten konzentrieren, nicht auf die Sägearbeit.“

Apropos Humor: Dieser dürfe rund um Weihnachtskrippen nicht zu kurz kommen, „immerhin geht es ja um ein freudiges Ereignis“. Und ja, da darf man auch schon mal scherzeshalber einen Pumuckl hinter einem Fenstervorhang verstecken …

Doch das Vereinsheim des Krippenbauvereins Stein an der Enns ist noch so viel mehr als eine Weihnachtswerkstatt. Hier gibt es seit dem Vorjahr auch eine liebevoll kuratierte und dekorierte ganzjährige Dauerausstellung mit mehreren Dutzend Weihnachtskrippen – jede für sich ein Unikat.

Schatzkammer der Erinnerungen

In diesen Räumlichkeiten wird Weihnachten nicht nur begreifbar, sondern auch berührbar. Und schnell wird klar: Krippe ist nicht gleich Krippe. „Wir bauen zu 80 Prozent heimische Krippen“, erklärt Adi Barazzutti. Das heißt: Der Stall sieht aus, wie man sich halt einen Stall in den Alpen vorstellt. Da Maria vor mehr als 2000 Jahren Jesus nicht in einem steirischen Stall geboren hat, sondern in einem in Betlehem, entscheidet sich aktuell schon jeder Fünfte für eine orientalische Krippe. Aber es gibt auch Osterkrippen, die den Leidensweg Christi darstellen.

Daneben: Wurzelkrippen, dreidimensionale Kastenkrippen mit Sternenhimmel, orientalische Versionen mit echtem Sand aus Ägypten. Kunstvoll geschnitzte Krippen, die aus einem Stück Lärchenholz geschaffen wurden. Eine Kinderkrippe erzählt die Weihnachtsgeschichte in Miniaturform. Die älteste Ausstellungskrippe stammt aus dem Jahr 1922. Und mittendrin leuchtet und hämmert das Lebenswerk des Obmanns: eine meterbreite Krippe mit beweglichen Figuren aus Spanien – neben der Heiligen Familie sind hier auch Schmied, Bauer, Esel und Engel zu finden. Alle einzeln verkabelt, gesteuert über einen Sensor, der die Szene „aufweckt“, sobald jemand vorbeigeht. „Das ist fast ein kleines E-Werk“, sagt Gerald Gerhardter und deutet auf einen kleinen Stadl neben dem Stall, in dem sich zahlreiche Transistoren befinden. 100 bis 200 Stunden Arbeit stecken darin.

Zwischen den Modellen, den Basteltischen und dem Duft von Zirbenholz liegt etwas, das man ebenso im Kurs lernt: Gemeinschaft. Viele der Mitglieder sind schon jahrzehntelang dabei. „Wir haben sogar Kirchenkrippen gebaut“, erzählt Adi Barazzutti. „Und für Verwandte im Ausland.“ Ein Stück Heimat zum Mitnehmen.

Für seine Arbeit erhielt der Verein 2010 den Volkskulturpreis des Landes Steiermark. Mit ein Grund dafür: die detailgetreuen Nachbauten bäuerlicher Gebäude oder Almhütten aus der Region, die so manchen Hof vor dem Vergessen retten. Da steckt nicht nur Handwerk drin, sondern Geschichte und Erinnerung. Gerald Gerhardter: „Viele der Häuser, die wir als Vorlage hatten, gibt’s heute gar nicht mehr.“

Ruhe, Frieden und Menschlichkeit

In Tirol hat fast jeder Ort seinen Krippenverein, in der Steiermark sind es neun – Stein an der Enns ist einer der aktivsten. Die Mitglieder tauschen sich mit Kollegen in anderen Ländern aus, fahren zu Wettbewerben, organisieren Ausstellungen. „Manche verstehen den Krippengedanken nicht“, sagt Gerald Gerhardter, „aber wer hier baut, spürt es. Es geht um Freude, Frieden, Menschlichkeit.“

Ja, und wenn am Ende des Tages die Werkzeuge schweigen, die Gipsbecher ausgeleert sind und die Kinder ihre kleinen Kunstwerke betrachten, ist das Gefühl immer dasselbe: Stolz. Und Vorfreude auf Weihnachten. Das ganze Jahr über.

www.krippenverein-stein-enns.at

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