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Martin Huber
Jetzt geht’s los! Was rund um steirische Ski-Berge neu ist
Der Winter kommt. Der Berg ruft. Hinauf zu den Gipfeln der steirischen Skiberge, da hängen nicht nur Gondeln am Seil – sondern ganze Regionen. Ja, und wenn sich zum Saisonstart die erste Bahn dreht, erwacht mehr als nur deren Motor. Wintermodus an. Schneekanonen an. Pistengeräte marsch. „Das ist jedes Jahr ein bisschen so wie als Kind vorm Christkind“, beschreibt Daniel Berchthaller von der Reiteralm & Fageralm das Kribbeln im Bauch zu Saisonstart. Erwin Petz von der Riesneralm nickt: „Und noch besser für alle ist, wenn noch zwanzig Zentimeter Naturschnee dazukommen.“ Das merke man dann auch an den Buchungszahlen. Und Karl Fussi vom Kreischberg ergänzt: „Unser spannendster Monat ist der November. Wenn’s heißt: ‚Es ist kalt, jetzt laufen alle Maschinen‘, dann fällt viel Druck von unseren Schultern.“ Immerhin legen ja auch viele Hotels erst dann los, wenn die ersten Schwünge auf den Pisten möglich sind.
Motor ganzer Regionen
Beim 5komma5sinne-Expertentalk mit namhaften steirischen Seilbahnern war er deutlich zu spüren, der Pulsschlag einer Branche, die im öffentlichen Fokus steht wie kaum eine andere. Denn Schlepplift, Sessellift, Gondel & Co. sind mehr als Technik und Stahl – sie sind Taktgeber, Arbeitgeber, Hoffnungsträger und manchmal Blitzableiter ganzer Regionen. Wir haben mit Georg Bliem (Planaibahnen), Daniel Berchthaller (Reiteralm & Fageralm), Karl Fussi (Kreischberg & Lachtal), Rudolf Huber (Loser Bergbahnen), Erwin Petz (Riesneralm) und Oliver Käfer (WKO-Fachgruppe Seilbahnen) über Verantwortung, Chancen und Zukunft des Skiwinters gesprochen.
Rund 9.000 Arbeitsplätze hängen direkt oder indirekt an den steirischen Seilbahnbetrieben. „Wir sind die Kerninfrastruktur im ländlichen Raum“, sagt Daniel Berchthaller. „Ohne die Bergbahnen würde, glaube ich, viel stillstehen – Hotels, Skischulen, Wirtshäuser, aber auch Handwerksbetriebe. Da hängt eine ganze Wertschöpfungskette daran.“
Ohne Seilbahnen "ein Seitental ohne Perspektive"
Erwin Petz drückt es fürs Donnersbachtal mit der Riesneralm ganz ungefiltert aus: „Ohne Seilbahn wären wir ein Seitental ohne Perspektive. Wir haben 300 Einwohner und 120.000 Nächtigungen. Der Tourismus gibt hier der Jugend eine Zukunft – und das geht nur mit der Seilbahn.“ Karl Fussi beobachtet in der Region Murau rund um Kreischberg und Lachtal Folgendes: „Viele Betriebe wie Hotels warten mit Investitionen, bis sie sehen, was die Seilbahn macht. Wenn wir etwas tun, bewegt sich die ganze Region mit.“
Georg Bliem bestätigt: „Wir sind Motor und Rückgrat zugleich – aber stehen auch ganz schön in der Verantwortung. Wir sind verantwortlich für sehr viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, aber auch viele andere Betriebe.“ Laut Oliver Käfer von der Wirtschaftskammer (WKO) entfallen pro Skigast 20 Prozent der Ausgaben direkt auf den Ticketpreis, 80 Prozent betreffen die Bereiche Beherbergung, Gastro, Transport, Sporthandel …
Winter verlagert sich nach oben
Vier Millionen Ersteintritte von Skifahrern zählten die steirischen Skiberge in der vergangenen Wintersaison. Viel mehr Skifahrer werden es nicht mehr werden, darin sind sich alle einig. „Wir sind im Verdrängungswettbewerb“, sagt Georg Bliem. „Wenn einer in Schladming gewinnt, verliert vielleicht Kitzbühel ein Stück. Wir müssen innovativ bleiben und neben dem Hauptaugenmerk Skifahren weitere Bergerlebnisse bieten.“ Zumal die weltweite Klimaerwärmung auch hierzulande die Schneelinie nach oben verschiebt. „Der Winter mit Schnee und allem Drum und Dran wird sich künftig vor allem am Berg abspielen“, sagt Karl Fussi. Zumal viele Täler auch im Winter lange grün bleiben, „müssen wir oben das ganze Wintererlebnis anbieten können“.
Für Rudolf Huber von den Loser Bergbahnen ist die Vielfalt Trumpf: „Der Winter wird breiter. Skifahren bleibt das Herz, aber das Drumherum – Rodeln, Schneeschuhwandern, Sonne tanken oder nur einen Kaffee genießen, wenn es in den Tälern nebelig ist – das alles wird wichtiger. Qualität abseits der Massen. Das ist unsere USP am Loser.“
Der Winter mit Schnee und allem Drum und Dran wird sich zusehends in die Berge verlagern.
Karl Fussi, Kreischberg und Lachtal
Schneekompetenz absichern
Generell – und da stimmen auch Seilbahner beim Expertentalk überein – sei Schneekompetenz oder „Absicherung der Schneegarantie“, wie es Georg Bliem nennt, eine der wichtigsten Aufgaben der Zukunft. „Es hilft der schönste Lift nichts, wenn du den Schnee nicht hast.“ Das bedeutet aber auch immer wieder Investitionen in Beschneiung, Speicherteiche – egal, ob es sich nun um ein großes Skigebiet handelt oder um einen Schlepplift in der Oststeiermark. Auch im Jahr 2025 investierte die steirische Seilbahnwirtschaft laut Oliver Käfer (WKO) wieder 18 Millionen Euro in Verbesserungen bei Beschneiungsanlagen. „Wir bedanken uns hier auch beim Land Steiermark, das hier recht unkompliziert kleinen Skigebieten unter die Arme greift, die große Investitionen nie allein stemmen könnten.“
Es hilft der schönste Lift nichts, wenn du den Schnee nicht hast.
Georg Bliem, Planaibahnen
100 Millionen Euro pro Jahr investiert
Insgesamt waren es in diesem Jahr wieder 100 Millionen Euro (nach 105 Millionen im Vorjahr), die heimische Seilbahnbetriebe investiert haben. Der Großteil entfällt natürlich auf neue Seilbahnen, wie heuer die neue Verbindung zwischen Hauser Kaibling und Planai oder die Gondelbahn auf die zur Reiteralm gehörende Fageralm. Und ja, die Seilbahner räumten im Rahmen des Expertentalks ein, dass es hier schon so etwas wie ein gegenseitiges „Hoch-Lizitieren“ nach dem Motto „schneller und bequemer“ gebe. Zumal sich die Seilbahnhersteller immer wieder neue Spielereien einfallen ließen. Die Sitzheizung lässt grüßen. Wobei Daniel Berchthaller klarstellt: „Es ist ja auch die Erwartungshaltung der Gäste hinsichtlich Qualität und Bequemlichkeit gestiegen.“ Und Rudolf Huber, der erst im Vorjahr mit der Loser-Panoramabahn die größte Investition der Unternehmensgeschichte stemmte, ergänzt: „Wenn man bestehen will, dann muss man bei der Infrastruktur mitziehen.“
Dynamic Pricing fördert soziale Spaltung, wenn die gut Situierten bei Sonnenschein Skifahren und sich Familien nur Karten an Nebeltagen leisten können.
Erwin Petz, Riesneralm
Alle gegen Dynamic Pricing
Das alles gibt es naturgemäß nicht zum Nulltarif – und so werden die Ticketpreise alljährlich zu Saisonbeginn zum medialen Aufreger. Wobei Berchthaller hier vermutet, „dass da auch viel Meinung von Nicht-Skifahrern dabei ist. Unsere Umfragen zeigen 80 Prozent Preisakzeptanz unter den Skifahrern.“ Und mit Online-Frühbuchersystemen sei im Skiverbund amadé (zu ihr gehört die Schladminger Vierberge-Skischaukel) im Vorjahr schon rund ein Drittel des Ticketverkaufs abgespult worden. Motto: Je früher man online kauft, desto günstiger die Skikarte. Das sei aber kein „Dynamic Pricing“, wie es in der Schweiz, in Teilen Vorarlbergs und Niederösterreichs betrieben werde (dessen Motto: Täglich ändern sich je nach Auslastung die Preise). „Davon sind wir entschiedene Gegner“, so die steirischen Seilbahner unisono. Laut Erwin Petz trage so etwas „zur sozialen Spaltung bei, wenn die Gutsituierten bei Sonnenschein teuer Ski fahren und die Familien sich dann nur den Nebeltag leisten können“.
Internationalisierung als Chance
Als enorm wichtig erachten die Seilbahner, egal ob großes oder kleines Skigebiet, die Verschränkung mit dem Tourismus, insbesondere mit der Gastronomie. „Bei der Kulinarik hat die Steiermark einen entscheidenden Heimvorteil“, so Bliem und Berchthaller. Aber vor allem auch in Zusammenhang mit dem Bettenangebot. „So werden wir viel unabhängiger vom aktuellen Wetter“, erklärt Karl Fussi: „Früher kamen zum Kreischberg 70 Tagesgäste und 30 Prozent Übernachtungsgäste, heute ist es umgekehrt“, so Fussi. „Mehr Betten heißt mehr Stabilität.“ Gerade rund um „seine“ zwei Skiberge sei ein beträchtlicher Teil des Gäste-Zuwachses auf Internationalisierung zurückzuführen. „Unsere östlichen Nachbarn sind ein Schatz. Viele Familien aus Ungarn, Polen oder der Slowakei kommen oft sogar mehrfach im Jahr, kaufen Saisonkarten, bringen Kinder mit – das sind treue Gäste.“
Die Seilbahner der Schladminger Vierberge (Reiteralm, Planai & Hochwurzen, Hauser Kaibling) werben mittlerweile von Skandinavien bis zum Balkan. „Eigentlich ist ganz Europa unser Markt“, so Georg Bliem.
Doch betont Fussi auch die notwendige Balance zwischen einheimischen und internationalen Gästen: „Ein Skiberg lebt immer auch von und mit seinen eigenen Leuten. Umso wichtiger ist es, die Kinder aus der Region und die Vereine auf den Berg zu holen.“ In vielen Skigebieten fahren Kinder bis 6 Jahre mittlerweile gratis.
Seilbahnen sind die Kerninfrastruktur im ländlichen Raum. Ohne die Bergbahnen würde vieles im Land stillstehen.
Daniel Berchthaller, Reiteralm & Fageralm
Sommer als zweites Standbein
Was vielerorts einst als kleines Zubrot galt, ist heute eine zweite Säule: Die Lifte drehen sich auch im Sommer. „Wir sind Ganzjahresbetriebe geworden“, sagt Daniel Berchthaller: „Wir haben auf der Reiteralm 300 Betriebstage im Jahr – das ist die Zukunft.“ Am Loser sieht man bereits Gleichstand zwischen den Jahreszeiten: „Winter und Sommer sind fast ausgeglichen“, erzählt Rudolf Huber. „Viele Gäste fahren mit der Bahn einfach nur nach oben, trinken einen Kaffee, entfliehen dem Nebel. Das ist ein neues Publikum – genussorientierter, aber treu.“ Erwin Petz bestätigt: „Der Sommer ist längst kein Lückenfüller mehr. Das Erlebnis am Berg funktioniert das ganze Jahr. Und jeder, der im Sommer raufkommt, hat eine größere Wahrscheinlichkeit, im Winter wiederzukommen.“
Viele Gäste fahren mit der Bahn nur nach oben, entfliehen dem Nebel. Das ist ein neues Publikum.
Rudolf Huber, Loser Bergbahnen
Nachhaltigkeit - (k)eine Buchungsentscheidung?
Energie, Beschneiung, Nachhaltigkeit sind drei Worte, die zum Winterstart schnell einmal in Skisport-Kommentarspalten auftauchen. Was dabei selten erwähnt wird: Die heimischen Seilbahnen haben den Energieverbrauch laut WKO in den letzten 20 Jahren um 20 Prozent reduziert, obwohl vielerorts größere Bahnen fahren. Auf der Planai fahren 25 Pistengeräte und 14 Skibusse mit HVO, einem biogenen Treibstoff aus Holzresten und Fischöl. „90 Prozent weniger CO₂“, sagt Bliem, der bei den Planaibahnen bis 2030 15 Prozent des Strombedarfs über eigene PV-Anlagen decken will. Doch er merkt an: „Nachhaltigkeit spielt heute in den Fragen und Buchungsentscheidungen viel weniger eine Rolle, als wir angenommen haben.“
Vorreiter in diesem Bereich ist Erwin Petz mit der Riesneralm. „Wir machen Strom und Schnee zugleich. Wir nutzen unser Wasser dreimal. Zuerst über zwei Wasserkraftwerke – und dann zur Beschneiung.“ Jährlich erzeugt er 6,2 Millionen Kilowattstunden Strom – verbraucht werden aber übers gesamte Skigebiet nur 2,4 bis 2,8 Millionen Kilowattstunden. „Den Strom-Überschuss verkaufen wir ins Netz. Das sichert Investitionen und Jobs.“
Die Seilbahnen haben heuer 100 Millionen Euro investiert, im Vorjahr 105 Millionen Euro.
Oliver Käfer, WKO-Fachgruppe Seilbahnen
Upcycling-Gondeln als Zukunfts-Perspektive
Und Daniel Berchthallers Neuheit auf der Fageralm „verbindet Nachhaltigkeit und Innovation: Wir haben eine Achter-Gondelbahn aus Großarl komplett wiederaufgebaut – 99 Prozent der Teile wurden wiederverwendet, aber das fällt den Gästen sicher nicht auf.“ Statt wie bisher mit zwei Sesselliften in 35 Minuten geht es ab heuer mit einer Upcycling-Gondel in 12 Minuten auf den Berg. Im Bereich des Wiederaufstellens gebrauchter Seilbahnen sieht die Branche eine Chance, dass auch kleinere und mittlere Skigebiete sich künftig einen Investitionsschritt leisten können.
Seilschaft und Schicksalsgemeinschaft
So ist auch der 5komma5sinne-Seilbahnertalk von Optimismus geprägt. Und bei aller Konkurrenz zwischen Dachstein und Semmering ist doch eine Seilschaft zu spüren, die sich bewusst ist: Die Herausforderungen der Zukunft – die löst man nur gemeinsam.










