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Rene Strasser
Heinz Reitbauer unplugged
AM STAMMTISCH MIT HEINZ REITBAUER:
ZWISCHEN WIEN UND DER HOCHSTEIERMARK
Als ich im März dieses Jahres beim Steiermark-Frühling in Wien auf Heinz Reitbauer traf, fühlte sich das für mich, als bekennende Verfechterin der steirischen Kulinarik, ein bisschen so an, wie wenn ein eingefleischter Wolfgang-Ambros-Fan zum ersten Mal bei einem Konzert auf die Musiker-Legende trifft. An seinen Tischen saß ich schon oft. Ich habe in Wien im Steirereck genossen, was dort auf die Teller gezaubert wird, und ich habe im Wirtshaus am Pogusch das erlebt, was Heinz Reitbauer wie kaum ein anderer beherrscht: kulinarische Exzellenz mit Bodenständigkeit zu verbinden. Doch ins persönliche Gespräch mit ihm zu kommen und den Menschen hinter all den Auszeichnungen und dem kulinarischen Weltruhm kennenzulernen, das ist dann doch noch einmal etwas anderes. Als ich ihn an jenem Tag beim Steiermark-Frühling sah, fasste ich mir ein Herz und fragte ihn, ob er mir wohl ein, zwei Stunden seiner Zeit für ein Interview schenken würde. Die Antwort kam ohne Zögern: „Sehr gerne.“
Zwei Monate später saßen wir schließlich gemeinsam am Stammtisch im Wirtshaus Steirereck am Pogusch. Natürlich hatte ich viele Fragen im Kopf, aber eine brannte mir gleich zu Beginn besonders auf der Zunge: Ist Heinz Reitbauer, so wie viele glauben – und wie auch ich lange annahm – tatsächlich hier am Pogusch aufgewachsen? Die Antwort kam charmant und augenzwinkernd: „Ich bin 1970 in Wien geboren – aber das verraten wir besser nicht.“ Und mit einem herzhaften Lachen hinterher: „I bin aber auf jeden Fall a Steirer.“ Das konnte ich natürlich nicht unkommentiert lassen. Schmunzelnd gestand ich ihm, dass ich mich trotz meines Geburtsorts in Oberwart keineswegs als Burgenländerin, sondern ganz klar als Steirerin sehe. Und wir waren uns schnell einig: Wo man sich daheim fühlt, zählt eben mehr als der Eintrag im Geburtenregister.
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Rene Strasser
DIE WURZELN EINES WELTKOCHS
Dass das Steirereck am Pogusch heute so eng mit dem Namen Heinz Reitbauer verbunden ist, lässt leicht vergessen, dass das Wirtshaus erst seit 1992 im Familienbesitz ist und erst 1996 als solches eröffnet wurde. Zuvor lebte die Familie in Wien, wo die Eltern bereits 1970 das Steirereck aufgebaut haben – also lange bevor die Ära am Pogusch begann. Dabei stammen beide Eltern ursprünglich aus der Hochsteiermark: Der Vater wuchs auf einem Bauernhof auf, die Mutter arbeitete ursprünglich in der Buchhaltung. Und es war vor allem seine Großmutter, die früh seine Liebe und sein feines Gespür für gutes Essen und gute Produkte weckte. Aus wenig machte sie viel. Nicht selten zauberte sie mit einfachsten Zutaten wahre Köstlichkeiten. Von ihr lernte er, in allen Produkten das Besondere zu erkennen und ihnen mit Respekt zu begegnen. Die Wochenenden verbrachte er oft am Pogusch – mitten in der Natur, zwischen Stall, Wiese und dem entstehenden Wirtshaus. Ein Jahr lang drückte der spätere Sternekoch in Thörl die Schulbank. Kein Wunder also, dass im Gespräch bis heute das Steirische charmant durchklingt.
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Rene Strasser
EINMAL UM DIE WELT
„Das kriegst du nimmer raus“, lachte er. Genau diese Mischung aus Wiener Weltgewandtheit und steirischer Bodenständigkeit macht Heinz Reitbauer so sympathisch.
Seine Eltern kamen damals eher zufällig nach Wien und machten 1970 aus einem einfachen Kaffeehaus eben das erste Steirereck – damals noch in der Rasumofskygasse im dritten Bezirk –, mit gutbürgerlicher Hausmannskost und echter steirischer Wirtshausküche. Reitbauers Weg in die Gastronomie verlief zielstrebig: Nach dem Besuch einer Hotelfachschule in Deutschland absolvierte er eine Kochlehre, die er zunächst zu Hause begann und schließlich in Salzburg abschloss. Nach dem Bundesheer zog es ihn mit nur 19 Jahren nach Frankreich und dann nach London. Zwei prägende Stationen, bis seine Mutter ihn schließlich zurückrief: „Jetzt bleib einmal da, dass ich auch was von dir hab.“
PENDELN MIT LEIDENSCHAFT
Im Jahr 2005 ist man dann mit dem Steirereck in den Wiener Stadtpark übersiedelt. Eine Entscheidung, die den Grundstein für den internationalen Erfolg legte. Seitdem führen Heinz Reitbauer und seine Frau Birgit das Restaurant gemeinsam, mit Leidenschaft, Innovationsgeist und einem unverwechselbaren kulinarischen Stil, der sie Jahr für Jahr in die Liste der Besten der Welt katapultiert hat. Am Pogusch hingegen waren lange Zeit die Eltern federführend – bis sie sich nach den Jahren der Pandemie in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedeten. Und nun ist Heinz Reitbauer auch wieder hier, mit Herz, Seele und Händen. Sein Leben pendelt derzeit zwischen zwei Welten: vier Tage in Wien, drei Tage am Pogusch – vor allem an den Wochenenden. Natürlich sei das immer auch mit Arbeit verbunden, sagte er, doch man hat das Gefühl: Hier oben findet er seinen Ausgleich.
FARM TO TABLE AM POGUSCH
Im Wirtshaus Steirereck am Pogusch liegt der Fokus in der Küche besonders stark auf dem, was hier wächst und gedeiht. Auch die eigene Landwirtschaft wächst stetig: rund 150 Mutterschafe, 50 Schweine, Gemüse wird angebaut, 500 essbare Pflanzen werden kultiviert – es entsteht ein kleines, in sich geschlossenes Ökosystem. „Wir bauen das alles so auf, dass wir möglichst selbstbestimmt arbeiten und kulinarisch wirken können.“ Doch es geht um mehr als nur Eigenversorgung: „Es geht auch darum, den Gästen Wertschätzung für Lebensmittel zu vermitteln, und genau das machen wir hier.“ Ganz nebenbei habe ich übrigens erfahren, dass er auch heute noch die Speisekarte selbst schreibt und am liebsten mit dem bereichert, was die eigene Landwirtschaft, die Region und die Saison hergeben. „Das hat für mich schon vor 30 Jahren einen großen Wert gehabt und damit möchte ich nie wieder aufhören.“
HEINZ REITBAUERS VISION VOM WIRTSHAUS DER ZUKUNFT
Als wir uns schließlich vom Stammtisch in Richtung Küche und Gewächshäuser aufmachten und uns der Chef höchstpersönlich durch das Haus führte, kamen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus. Was hier am Pogusch in den vergangenen Jahren entstanden ist, ist beeindruckend. Es ist kein bloßes Wirtshaus mehr, es ist ein Ort der gelebten Visionen. In den Gewächshäusern blühen und gedeihen mittlerweile neben Bananen und Passionsfrucht auch diverse großartige Zitrusfrüchte. Ein Anblick, den man hier auf knapp 1.000 Meter Seehöhe so wohl kaum erwarten würde. Doch nicht nur das: Die Abluft aus der Küche wird intelligent und mit Wärmerückgewinnung genutzt, das gesamte Energiekonzept ist darauf ausgelegt, Kreisläufe zu schließen und Natur mit Innovationsgeist zu verbinden. Heinz Reitbauer erklärt leidenschaftlich, wie alles zusammenhängt. Hier spricht jemand, der nicht nur kocht, sondern gestaltet. Hier hat sich der Innovator Heinz Reitbauer auch persönlich ein gutes Stück verwirklicht. Gerade als wir dabei waren, uns die nächsten Bereiche zeigen zu lassen, klingelte sein Telefon. Ein kurzer Blick aufs Smartphone, dann ein Lächeln. „Moment, da muss ich jetzt kurz ran, der Sohn ruft an.“ Einer dieser kleinen, feinen Augenblicke, in denen sich zeigt, dass hinter der kulinarischen Ikone vor allem eines steht: ein Mensch, für den das Papasein genauso wichtig ist wie die Sterne über seiner Küche.
MACHERGEIST
Als ich ihn fragte, was noch so auf seinem Vision Board steht, kam die Antwort – wie erwartet – klar, konkret und fast schon durchdacht. In der Landwirtschaft vom Steiereck am Pogusch gibt’s herrliche Streuobstwiesen. Und vor Kurzem hat Heinz Reitbauer bei einer Verkostung einen französischen Apfelschaumwein entdeckt, der ihn nachhaltig beeindruckt hat. „So ein Apfelschaumwein vom Pogusch, das wär schon was“, sagte er und lächelte. Man sah förmlich, wie es ihm in den Fingern kribbelte. Und wer Heinz Reitbauer kennt, der weiß: Zwischen Idee und gefülltem Glas vergeht bei ihm meist weniger Zeit, als man denkt. Beim nächsten Interview stoßen wir vielleicht schon mit einer „Steirischen Apfelreserve by Heinz Reitbauer“ an. Heinz Reitbauers Welt erschließt sich am besten, wenn man beides erlebt: das Steirereck in Wien, wo Kulinarik auf höchste Handwerkskunst trifft, und den Pogusch, wo Visionen Wurzeln schlagen. Beides muss man einfach kennen. Und schmecken.




