Heinz Reitbauer unplugged

Mit dem Wiener „Steirereck“, das seit Jahren zu den besten Restaurants der Welt zählt, begeistert er Gourmets und Kritiker gleichermaßen. Mit drei Michelin-Sternen, fünf Gault&Millau-Hauben und einem Platz in den World’s 50 Best Restaurants setzt er Maßstäbe in der Spitzengastronomie. Im legendären Wirtshaus am Pogusch hingegen pflegt Heinz Reitbauer steirische Gastlichkeit mit Herz und Seele. Doch wer ist diese Ikone der Kochkultur? Wir wollten mehr erfahren. Nicht über seine Sterneküche, sondern über die Persönlichkeit dahinter.

AM STAMMTISCH MIT HEINZ REITBAUER:
ZWISCHEN WIEN UND DER HOCHSTEIERMARK

Als ich im März dieses Jahres beim Steiermark-Frühling in Wien auf Heinz Reitbauer traf, fühlte sich das für mich, als bekennende Verfechterin der steirischen Kulinarik, ein bisschen so an, wie wenn ein eingefleischter Wolfgang-Ambros-Fan zum ersten Mal bei einem Konzert auf die Musiker-Legende trifft. An seinen Tischen saß ich schon oft. Ich habe in Wien im Steirereck genossen, was dort auf die Teller gezaubert wird, und ich habe im Wirtshaus am Pogusch das erlebt, was Heinz Reitbauer wie kaum ein anderer beherrscht: kulinarische Exzellenz mit Bodenständigkeit zu verbinden. Doch ins persönliche Gespräch mit ihm zu kommen und den Menschen hinter all den Auszeichnungen und dem kulinarischen Weltruhm kennenzulernen, das ist dann doch noch einmal etwas anderes. Als ich ihn an jenem Tag beim Steiermark-Frühling sah, fasste ich mir ein Herz und fragte ihn, ob er mir wohl ein, zwei Stunden seiner Zeit für ein Interview schenken würde. Die Antwort kam ohne Zögern: „Sehr gerne.“

Zwei Monate später saßen wir schließlich gemeinsam am Stammtisch im Wirtshaus Steirereck am Pogusch. Natürlich hatte ich viele Fragen im Kopf, aber eine brannte mir gleich zu Beginn besonders auf der Zunge: Ist Heinz Reitbauer, so wie viele glauben – und wie auch ich lange annahm – tatsächlich hier am Pogusch aufgewachsen? Die Antwort kam charmant und augenzwinkernd: „Ich bin 1970 in Wien geboren – aber das verraten wir besser nicht.“ Und mit einem herzhaften Lachen hinterher: „I bin aber auf jeden Fall a Steirer.“ Das konnte ich natürlich nicht unkommentiert lassen. Schmunzelnd gestand ich ihm, dass ich mich trotz meines Geburtsorts in Oberwart keineswegs als Burgenländerin, sondern ganz klar als Steirerin sehe. Und wir waren uns schnell einig: Wo man sich daheim fühlt, zählt eben mehr als der Eintrag im Geburtenregister.

DIE WURZELN EINES WELTKOCHS

Dass das Steirereck am Pogusch heute so eng mit dem Namen Heinz Reitbauer verbunden ist, lässt leicht vergessen, dass das Wirtshaus erst seit 1992 im Familienbesitz ist und erst 1996 als solches eröffnet wurde. Zuvor lebte die Familie in Wien, wo die Eltern bereits 1970 das Steirereck aufgebaut haben – also lange bevor die Ära am Pogusch begann. Dabei stammen beide Eltern ursprünglich aus der Hochsteiermark: Der Vater wuchs auf einem Bauernhof auf, die Mutter arbeitete ursprünglich in der Buchhaltung. Und es war vor allem seine Großmutter, die früh seine Liebe und sein feines Gespür für gutes Essen und gute Produkte weckte. Aus wenig machte sie viel. Nicht selten zauberte sie mit einfachsten Zutaten wahre Köstlichkeiten. Von ihr lernte er, in allen Produkten das Besondere zu erkennen und ihnen mit Respekt zu begegnen. Die Wochenenden verbrachte er oft am Pogusch – mitten in der Natur, zwischen Stall, Wiese und dem entstehenden Wirtshaus. Ein Jahr lang drückte der spätere Sternekoch in Thörl die Schulbank. Kein Wunder also, dass im Gespräch bis heute das Steirische charmant durchklingt.

EINMAL UM DIE WELT

„Das kriegst du nimmer raus“, lachte er. Genau diese Mischung aus Wiener Weltgewandtheit und steirischer Bodenständigkeit macht Heinz Reitbauer so sympathisch.

Seine Eltern kamen damals eher zufällig nach Wien und machten 1970 aus einem einfachen Kaffeehaus eben das erste Steirereck – damals noch in der Rasumofskygasse im dritten Bezirk –, mit gutbürgerlicher Hausmannskost und echter steirischer Wirtshausküche. Reitbauers Weg in die Gastronomie verlief zielstrebig: Nach dem Besuch einer Hotelfachschule in Deutschland absolvierte er eine Kochlehre, die er zunächst zu Hause begann und schließlich in Salzburg abschloss. Nach dem Bundesheer zog es ihn mit nur 19 Jahren nach Frankreich und dann nach London. Zwei prägende Stationen, bis seine Mutter ihn schließlich zurückrief: „Jetzt bleib einmal da, dass ich auch was von dir hab.“

PENDELN MIT LEIDENSCHAFT

Im Jahr 2005 ist man dann mit dem Steirereck in den Wiener Stadtpark übersiedelt. Eine Entscheidung, die den Grundstein für den internationalen Erfolg legte. Seitdem führen Heinz Reitbauer und seine Frau Birgit das Restaurant gemeinsam, mit Leidenschaft, Innovationsgeist und einem unverwechselbaren kulinarischen Stil, der sie Jahr für Jahr in die Liste der Besten der Welt katapultiert hat. Am Pogusch hingegen waren lange Zeit die Eltern federführend – bis sie sich nach den Jahren der Pandemie in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedeten. Und nun ist Heinz Reitbauer auch wieder hier, mit Herz, Seele und Händen. Sein Leben pendelt derzeit zwischen zwei Welten: vier Tage in Wien, drei Tage am Pogusch – vor allem an den Wochenenden. Natürlich sei das immer auch mit Arbeit verbunden, sagte er, doch man hat das Gefühl: Hier oben findet er seinen Ausgleich.

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