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Rene Strasser
Burg Strechau: Viel zu schön, um nur vorbeizufahren!
Es gibt einen Punkt, hoch oben auf dem stattlichen Felsen, wo sich das Ennstal und das Paltental freundlich grüßen. Einen Punkt, von Weitem schon zu sehen, der mit jedem Meter, mit dem wir uns ihm nähern, imposanter zu einem majestätischen Gemäuer anwächst. Burg Strechau. Kurzen Seiten-Blicken hinauf zur mächtigen Bastei kann sich wohl keiner der täglich Tausenden Auto-, Bahn- und Autobahnfahrer zwischen Rottenmann und Liezen entziehen. Dabei ist dieser Punkt doch viel zu schade, um bloß daran vorbeizufahren. Weil es ein Treff-Punkt ist. Ein Ort der Begegnung: nicht nur zweier mächtiger obersteirischer Täler, sondern auch einst mächtiger Herrscher. Ein Ort, wo 1.000 Jahre wechselvolle Geschichte auf mehr als 100 Jahre Austro-Automobilgeschichte treffen.
Und wir treffen mit Dr. Wolfgang Boesch und seiner Familie auf leutselige Eigentümer, die seit Jahrzehnten statt zwischen Rüstungen nach einem Werte-Gerüst leben: „Eine Burg muss leben, dann lebt sie weiter“, erklärt der Anwalt, nachdem er unserem 5komma5sinne-Team von ihm höchstpersönlich herausgebackene Schnitzel serviert hat.
Automobile Anekdoten mit Burghund Albert
Seine zweite Prämisse ist jene, die uns alle teilhaben lässt: „Wenn man Schönheit teilt, hat man die doppelte Freude daran!“ Diese Haltung bezieht sich hier nicht nur auf Zinnen, sondern auch auf Zahnräder und Zylinder, sie beschränkt sich nicht nur auf Mauern, sie gilt auch für Motoren. Denn die zweitgrößte Burg der Steiermark hat Wolfgang Boesch seit 2006 mit geführten Touren, Advent- und Ostermärkten sowie Hochzeiten immer stärker geöffnet. Durch Ausstellungen ermöglicht man in den Gemäuern der Vergangenheit Künstlern der Gegenwart eine Zukunft. Und obendrauf gibt es hier eine weitere museale Einzigartigkeit: die einzige vollständige Sammlung der zwischen 1920 und 1941 gebauten Steyr-Automobile – inklusive der 92.000 Originalpläne auf Transparentpapier.
in bisschen Sechszylinder-Ausdünstung weltweiter Unikate. Wie die des Steyr 630, der seinerzeit die Bombardements im Zweiten Weltkrieg nur überdauert hat, weil ihn sein Besitzer in einem Berliner Hinterhof vergraben hat. Anekdoten dieser Bauart liefern Wolfgang Boesch und seine Ehefrau Mag. Marianne Boesch-Leibrecht bei unserem 5komma5sinne-Besuch auf Burg Strechau wie am Fließband.
Die Einmaligkeit dieses vor Leben nur so strotzenden Museums-Tandems aus Burg und Benzin zeigt sich auch darin, dass man diese bis zu 100 Jahre alten Fahrzeuge nicht nur bestaunen, sondern auch für Ausflüge oder Hochzeiten buchen kann (150 Euro pro Stunde für 2 Personen). „Der Steyr 30 da draußen“, deutet Wolfgang Boesch auf den im Schlosshof geparkten und noch immer juvenil wirkenden Oldtimer, „der ist 95 Jahre alt und fährt, so weit Sie wollen. Im Gegensatz zu anderen Automobilen dieser Zeit hatte der Steyr eine perfekte Bergübersetzung“, doziert er mit dem richtigen Maß an Sammlerstolz, während direkt vor uns auf der mittelalterlichen Burgmauer ein Buntspecht zum Landeanflug ansetzt. Der Fernseher der Natur ist spannender als jede TV-Doku. Besonders während unseres Burgrundgangs mit Marianne Boesch-Leibrecht, bei dem sich Burghund Albert als eigentlicher Touristenführer ausgibt. Zwischen den prächtigen Renaissance-Arkaden verhält sich der Vierbeiner grad so, als hätte er das alles selbst geplant …
Zentrum von Reformation und Gegenreformation
Viele Meter über uns, auf den Lärchenholzschindeln der Bastei, finden Turmfalken ein friedliches Auskommen mit Taubenpaaren (was in der Natur nicht so selbstverständlich ist). „Das spiegelt meiner Meinung nach schön die Symbiose auf Burg Strechau“, sagt die praktizierende Tierärztin, „hier hat das Protestantische genauso Platz wie das Katholische.“
Das war nicht immer so. Vielmehr offenbaren die unterschiedlichen herrschaftlichen Räumlichkeiten, dass die Burg über Jahrhunderte ein religiöser Schmelztiegel aus Reformation und Gegenreformation war, sie zeugen von protestantischem Antrieb der Renaissance und katholischer Pompösität im Barock. Ersteres zeigt sich im Arbeitsraum mit den manieristischen Deckenfresken von 1579 in Originalfarbe, Letzteres an der barocken katholischen Kapelle. Da erste urkundliche Erwähnungen von Burg Strechau bereits auf das Jahr 1074 zurückdatieren, könnte es sich zwischenzeitlich um zwei Burgen zweier verfeindeter Brüder gehandelt haben. Ihre erste Hochblüte erlebte Burg Strechau unter der Ägide der zum Augsburger Bekenntnis konvertierten protestantischen „Freiherren Hoffmann von Grünbühel und Strechau“ im 16. Jahrhundert. So soll Hans Friedrich Hoffmann 1578 maßgeblich am Vertrag zur Glaubensfreiheit in der Region Obersteiermark beteiligt gewesen sein. Doch mit der Gegenreformation kam das Herrschergeschlecht unter Druck, die Familie wurde vor die Wahl gestellt: zurück zum katholischen Glauben oder Verlust der Burg samt Ländereien. Die letzte Erbin der Hoffmanns, Anna Potentiana, entschied sich für den Glauben und verkaufte 1629 die Burg an das Stift Admont.
Eine Burg soll leben, dann lebt sie weiter.
Und wer Schönheit teilt, hat doppelte Freude daran.
Dr. Wolfgang Boesch
Statt Zerstörung: Verkleidung
Doch während anderswo im Zuge der Gegenreformation alles Protestantische ausgelöscht wurde, wählte Abt Urban von Stift Admont, der als Humanist beschrieben wird, eine andere Strategie, deren Zeugen wir bis heute sein können: „Statt die Deckenfresken des protestantischen Arbeitsraums zu zerstören, dürfte Abt Urban angeordnet haben, sie einfach über Holzwände und Zwischendecken vorübergehend unsichtbar zu machen“, erklärt Marianne Boesch-Leibrecht beim Rundgang durch die imposanten Gemäuer, deren Fenster einen überwältigenden Blick übers Paltental freigeben. Hinter dem Bergkamm lugt die Spitze des Admonter Kaiblings hervor, als wolle er an den Weg des Stifts Admont vor 400 Jahren erinnern: Statt Zerstörung Verkleidung. Statt Auslöschung Überdeckung. Wie eine theologische Photoshop-Retusche mit Langzeitwirkung. Nicht minder wechselvoll ist die jüngere Vergangenheit, und damit sind die vergangenen 200 Jahre gemeint. So soll Erzherzog Johann seine geliebte Anna Plochl nicht nur mehrmals auf Burg Strechau getroffen haben – er soll diese malerischen Gemäuer mit Weitblick sogar als Ort für seine Hochzeit erkoren haben, was jedoch am Veto seines Bruders in Wien, Kaiser Franz, gescheitert ist.
Die Verbindung der Familie Boesch zu Strechau reicht bis 1909 zurück, als Wolfgang Boeschs Urgroßvater Adolf Boesch die Burg erwarb. Doch die Zeiten der Weltwirtschaftskrise und Inflation führten dazu, dass das Anwesen 1926 an die Theresianische Akademie verkauft wurde. Aber es ist einem Fischerstich an der Wand im Wiener Zuhause zu verdanken, dass Harald Boesch – nach zweijährigem Insistieren seines Sohnes und heutigen Burgherrn Wolfgang Boesch – 1979 die Burg zurückkaufte. Sogleich begann die behutsame Renovierung vom damals desolaten in den heute wieder blühenden Zustand.
Spukt es hier manchmal?
Alles nach dem Credo von Familie Boesch: diese Schätze der Vergangenheit nicht vor den Menschen zu verbergen, sondern bewusst herzuzeigen, um sie über die Belebung gut ins Morgen zu führen. „Wenn man alles wegsperren und als Wochenend-Domizil nutzen würde, dann hätte man es wohl bald wieder mit einer Ruine zu tun“, ist Marianne Boesch-Leibrecht überzeugt. So aber wachsen an der Südflanke der Burg Obst und Gemüse und sorgen für mediterranes Flair auf 800 Meter Seehöhe. „Wir sind bestrebt, möglichst autark zu leben“, erklärt Wolfgang Boesch und zeigt am iPhone stolz ein Bild von einer Lkw-Ladung Holz vor dem kürzlich erworbenen kleinen Wald, die via Hackschnitzelanlage Wärme in die Gemäuer bringen wird.
Und, Hand aufs Herz: Spukt es hier eigentlich manchmal? „Nein“, versichert Marianne Boesch-Leibrecht. Aber wenn die Mauern dann in der Morgensonne glänzen, dann finde die Burg ihre eigene Sprache. Als wolle sie damit sagen: „Mir geht es gut.“
Burg und Museum
Burg Strechau und das Steyr-Museum zählen zur Erlebnisregion Gesäuse. Burg und Museum sind vom 1. Mai bis 31. Oktober geöffnet (Dienstag bis Sonntag, 10 bis 16 Uhr, geführte Touren zu jeder vollen Stunde).
Erlebnisregion Gesäuse
Nähere Informationen sowie viele weitere Ausflugs- und Wandertipps rund um die Erlebnisregion Gesäuse gibt es unter
www.gesaeuse.at





