Der Duft von Holz & eine Reise entlang der Mur

Entlang der Mur hat jede Landschaft ihren eigenen Duft: harziges Fichten- und Lärchenholz in den Bergwäldern der Obersteiermark, feuchte Auwälder im Süden. Alle unterschiedlich und doch kommen sie alle vom selben Ursprung: dem Holz.

Erst vor kurzem bin ich mit meiner Familie durch Murau gefahren. Schon kurz nachdem wir die Autobahn verlassen hatten, fiel etwas sofort auf: Wald. So viel Wald.

Die Straße schlängelt sich durch Täler, Hügel und kleine Orte und überall stehen Bäume. Fichten, Lärchen, dazwischen immer wieder dunkle Waldstücke, die sich über die Hänge ziehen. Kein Wunder also, dass die Region Murau zu den waldreichsten Gebieten Österreichs zählt. Große Agrarflächen sucht man hier vergeblich, stattdessen prägen Wälder das Landschaftsbild – so weit das Auge reicht.

Und mit dem Wald kommt auch ein Geruch. Schon beim Aussteigen liegt er in der Luft: dieser warme, harzige Duft von Holz. Vielleicht kommt er von einem frisch geschnittenen Baumstamm am Straßenrand, vielleicht von einem nahen Sägewerk oder einfach von den Fichten, die jetzt in der Frühlingssonne ihre ätherischen Öle freisetzen.

Holzhauptstadt Österreichs

In Murau gehört dieser Geruch zum Alltag. Nicht umsonst gilt die Stadt als Holzhauptstadt Österreichs. Seit Jahrhunderten prägt der Rohstoff Holz das Leben der Menschen hier – wirtschaftlich genauso wie kulturell. Wälder liefern Bauholz, Energie und Arbeitsplätze. Viele Waldbesitzer haben sich zu Waldwirtschaftsgemeinschaften zusammengeschlossen, um ihr Holz gemeinsam zu vermarkten und gleichzeitig auf eine nachhaltige Bewirtschaftung zu achten. Doch Holz ist hier mehr als ein Wirtschaftsfaktor. Es ist Teil der Landschaft und auch Teil der Erholung. Wer durch die Wälder rund um Murau spaziert, merkt schnell, wie gut es tut, hier tief durchzuatmen. Nicht umsonst führt hier auch ein Abschnitt des beliebten Murradwegs vorbei, der dem Fluss von den Alpen bis in den Süden der Steiermark folgt. Manche nennen es Waldbaden, andere einfach einen Spaziergang. Aber der Effekt ist derselbe: Man wird ruhiger.

Graz baut auf Holz

Doch je weiter die Mur nach Süden fließt, desto mehr verändert sich die Landschaft. Die Berge werden sanfter, die Wälder öffnen sich. Wiesen und Felder treten stärker in den Vordergrund, die Orte werden größer. Und irgendwann erreicht der Fluss die Landeshauptstadt Graz. Hier wirkt Holz auf den ersten Blick weniger präsent als in den Bergregionen rund um Murau. Doch ganz verschwunden ist es nicht, im Gegenteil. In Graz hat Holz einen neuen Platz gefunden: in der Architektur. Immer mehr Gebäude werden heute aus Holz gebaut oder enthalten große Holzelemente. Ein Beispiel dafür steht am Rosenhain: In der Aigner-Rollett-Allee hat die Stadt Graz gezeigt, dass auch geförderter Sozialwohnbau in Holzbauweise funktionieren kann. Direkt am Rand des beliebten Naherholungsgebiets und an der Grenze zum Universitätsviertel entstand hier ein vierstöckiger Holzbau auf einem ungewöhnlichen, dreiecksförmigen Grundstück. Das Projekt gilt als Beispiel dafür, dass qualitatives und gleichzeitig leistbares Wohnen auch mit einem nachwachsenden Baustoff möglich ist. Holz erlebt in der Stadt gerade eine Renaissance.

Zwischen Fluss, Wald und Pilzen - die Murauen bei Graz

Und außerhalb des Zentrums verändert sich die Atmosphäre wieder. Entlang der Mur erstrecken sich rund um Graz die Murauen, eine der letzten naturnahen Flusslandschaften der Region. Hier wachsen andere Bäume als in den Bergwäldern der Obersteiermark. Pappeln, Erlen und Weiden stehen dicht beieinander, ihre Wurzeln tief im feuchten Boden. Auch der Wald riecht hier anders. Nicht mehr so harzig wie die Fichtenwälder rund um Murau. Stattdessen liegt ein feuchter, erdiger Duft in der Luft – nach Laub, nach Wasser und nach Waldboden. Ich komme jedes Jahr hierher. Im Frühling, meist im Mai, gehe ich mit meinem Hund durch die Murauen spazieren. Dann ist der Duft besonders intensiv. Die warme Luft, der feuchte Boden, das frische Grün, alles vermischt sich zu einem Geruch, der sofort zeigt: Der Frühling ist da. Und manchmal verbirgt dieser Geruch noch etwas Besonderes. Denn in den Murauen wachsen auch Trüffeln und Morcheln. Wer weiß, wonach er suchen muss, erkennt sogenannte Zeigerbäume – Bäume, unter denen diese seltenen Pilze besonders gerne wachsen. Doch während Menschen meist genau hinschauen müssen, nehmen andere den Duft sofort wahr: Trüffelhunde, die speziell darauf trainiert sind, die unterirdisch wachsenden Pilze aufzuspüren. Je weiter man der Mur folgt, desto ruhiger wird die Landschaft. Im Süden der Steiermark, rund um Bad Radkersburg, verändert sich der Fluss erneut. Die Mur fließt hier breiter und gemächlicher durch die Ebene, begleitet von weiten Auwäldern.

Das Naturjuwel im Süden der Steiermark

Die Murauen bei Bad Radkersburg sind Teil des UNESCO-Biosphärenparks Unteres Murtal, des zweitgrößten Augebiets Österreichs. Dieses Naturjuwel im Süden der Steiermark wirkt stellenweise fast wie eine kleine Dschungellandschaft. Dichte Vegetation, verschlungene Wege und seltene Vogelarten prägen diese besondere Flusslandschaft. Auch für Radfahrer und Wanderer ist die Gegend ein beliebtes Ziel. Wege wie die „Grenzenlos Murauen“-Tour führen durch diese Auwälder und machen erlebbar, wie ursprünglich diese Landschaft noch ist. Die Bäume hier sind vor allem Laubbäume: Eschen, Erlen und Pappeln. Ihr Holz duftet anders als das der Bergwälder der Obersteiermark. Statt des kräftigen Harzgeruchs der Fichten liegt hier ein feuchter, fast sanfter Hauch in der Luft – nach Fluss, nach nassem Holz, nach Laub und Erde.

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