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Sternstunde für die Steiermark
Noch vor wenigen Jahren spielte Österreich auf der Michelin-Landkarte keine Rolle. Dann kehrte 2025 der Guide Michelin zurück – und mit ihm eine Auszeichnung, die in der Welt der Spitzengastronomie bis heute als Maß aller Dinge gilt. 2026 fiel der Blick der Tester wieder auf die Steiermark. Gleich vier Restaurants wurden erstmals mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet: das Restaurant Lilli in Fehring, die Genießerei am Markt und Zur Goldenen Birn in Graz sowie das Restaurant Broadmoar in Oisnitz. Vier Restaurants, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Vom Marktstand mitten in Graz bis zum Fine-Dining-Restaurant in der Südoststeiermark. Von kompromissloser Regionalität bis zu international inspirierten Produktwelten. Von etablierten Größen bis zu bemerkenswerten Senkrechtstartern. Hinter den Auszeichnungen stehen vier Köche, die längst ihre eigene Handschrift gefunden haben: Walter Triebl, Alexander Posch, Patrick Faist und Jan Eggers. Der Gastgeber. Der Marktpionier. Der Aufsteiger. Der Perfektionist.
Walter Triebl: Der Gastgeber
Drei Hauben, nun auch ein Michelin-Stern – Walter Triebl kennt die Welt der Auszeichnungen bestens. Im Lilli in Fehring geht es ihm dennoch um etwas anderes: um eine Küche, in der Spitzenkulinarik nicht abhebt, sondern Menschen zusammenbringt. Vielleicht ist genau das das Geheimnis des neuen Michelin-Sterns. Im Lilli möchte man Gäste nicht mit möglichst viel Inszenierung beeindrucken. Walter Triebl und sein Team wollen, dass Menschen wiederkommen, weil sie sich an besondere Momente erinnern – und neue erleben möchten. Dabei kocht Triebl nicht nur für erfahrene Gourmets. Genauso wichtig ist ihm die junge Generation, die gerade erst beginnt, die Welt der Kulinarik für sich zu entdecken. Berührungsängste soll es im Lilli keine geben.
Deshalb findet man auf der Karte neben anspruchsvollen Menüs auch Burger oder Sushi. Nicht als Widerspruch zur Spitzenküche, sondern als Einladung. Wer einmal neugierig wird, kommt vielleicht wieder – und taucht noch ein Stück tiefer in diese Welt ein. Die Grundlage dafür sind Produkte, denen Triebl bedingungslos vertraut. Bressehuhn aus dem Nachbarort, Alpenkaviar vom Stör aus den Kalkalpen, Wild von einem befreundeten Jäger. Vieles kommt aus der Region, manches von etwas weiter her – aber immer nur dann, wenn Qualität und Herkunft stimmen. Denn für Walter Triebl beginnt gutes Essen, lange bevor der erste Handgriff in der Küche passiert. Es beginnt bei den Menschen, die Lebensmittel mit derselben Leidenschaft erzeugen, mit der er sie später verarbeitet. Vielleicht überrascht der Michelin-Stern deshalb niemanden, der das Lilli kennt. Er ist keine plötzliche Belohnung. Er ist die Bestätigung eines Weges, den Walter Triebl und sein Team seit Jahren konsequent gehen.
Jan Eggers: Der Perfektionist
Die Zitronenzeste muss sitzen. Nicht ungefähr dort, wo sie hingehört, sondern genau dort. Vielleicht beschreibt kein Detail Jan Eggers besser als dieses. Bevor Jan Eggers als Küchenchef auf sich aufmerksam machte, galt er längst als einer der besten Patissiers des Landes. 2024 wurde er zum Patissier des Jahres gekürt. Die süße Seite der Küche hat er bis heute nicht verlassen. Desserts, Pralinen und Petits Fours produziert er nach wie vor selbst. Gleichzeitig stand er schon immer am Herd, arbeitete als Sous-Chef und entwickelte sich über die Jahre zum kulinarischen Allrounder.
Diese Mischung prägt auch seine Küche. Eggers denkt Gerichte nicht nur über Geschmack, sondern über Texturen, Kontraste und das Zusammenspiel einzelner Komponenten. Was auf dem Teller landet, soll überraschen, ohne überladen zu wirken. Dabei verfolgt er einen Ansatz, der ihn von vielen anderen Spitzenköchen unterscheidet. Regionalität allein ist für ihn noch kein Qualitätsmerkmal. Natürlich verarbeitet er steirische Äpfel und heimische Produkte, wenn das beste Produkt für ein Gericht aber von der Amalfiküste kommt, dann landet eben eine Amalfi-Zitrone auf dem Teller. Wenn eine seltene Criollo-Schokolade den entscheidenden Unterschied macht, dann wird genau diese verwendet. Nicht die Herkunft entscheidet, sondern die Qualität. Ob ein Michelin-Tester am Tisch sitzt oder ein Stammgast, macht für Jan Eggers keinen Unterschied. Entscheidend ist, dass am Ende jedes Detail stimmt – vom Produkt bis zur letzten Zitronenzeste. Der Michelin-Stern bestätigt nun offiziell, was Gäste des Restaurants Zur Goldenen Birn schon lange schmecken können: Hier wird nichts dem Zufall überlassen – am allerwenigsten die Qualität der Produkte.
Patrick Faist: Der Aufsteiger
Als Patrick Faist an diesem Vormittag Bärlauch sammeln war, dachte er nicht an Michelin-Sterne. Umso größer war die Überraschung, als das Handy plötzlich nicht mehr stillstand. Gratulationen, Anrufe, Nachrichten – das Restaurant Broadmoar in Oisnitz war mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet worden. Die Überraschung und die Freude waren groß. Nicht nur wegen der Auszeichnung selbst, sondern auch wegen des Tempos. Erst im September 2024 hatten Patrick Faist und seine Geschäftspartnerin Birgit Preschan das Restaurant übernommen. Fünf Wochen blieben Zeit, um Produzenten zu finden, das Konzept neu auszurichten und dem Haus eine eigene Handschrift zu geben. Eine Herausforderung, die die beiden mit viel Energie annahmen.
Ganz so überraschend, wie die Geschichte auf den ersten Blick wirkt, ist sie allerdings nicht. Patrick Faist bringt jahrelange Erfahrung aus der Spitzengastronomie mit. Einige prägende Stationen waren darunter, wie etwa bei Richard Rauch, später sammelte er Erfahrungen in Kitzbühel und Wien. Besonders die Zeit bei Haya Molcho und der Neni-Gruppe hinterließ Spuren. Auch seine Leidenschaft für Feuer und Holzkohle wurde in dieser Zeit geschärft – ein Element, das sich bis heute durch viele seiner Gerichte zieht. Von Anfang an war klar, worauf der Fokus im eigenen Restaurant liegen sollte: auf der Region. Heute arbeitet das Broadmoar mit Produzenten aus der unmittelbaren Umgebung zusammen. Wild liefern befreundete Jäger, Gemüse kommt von Bauern aus der Region, Käse von heimischen Höfen. Regionalität bedeutet für Faist aber auch Verantwortung. Verarbeitet wird möglichst das ganze Tier, nicht nur die Edelstücke. Geschmortes hat auf seiner Karte genauso Platz wie ein raffinierter Gang im Degustationsmenü. Dass diese Philosophie bereits nach eineinhalb Jahren mit einem Michelin-Stern belohnt wurde, macht die Geschichte des Restaurant Broadmoar zu einer der bemerkenswertesten in der heimischen Gastronomie.
Alexander Posch: Der Marktpionier
Eigentlich wollte es Alexander Posch am Grazer Kaiser-Josef-Platz etwas ruhiger angehen. Nach vielen Jahren in der Spitzengastronomie, nach Küchen auf Vier-Hauben-Niveau und Stationen in einigen der besten Restaurants der Steiermark zog es ihn dorthin, wo das Leben etwas direkter ist: auf den Markt. Heute steht er in der Genießerei am Markt am Herd – und damit im wohl ungewöhnlichsten Sternerestaurant Österreichs. Oder genauer gesagt: am weltweit ersten und bislang einzigen Marktstand, der mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet wurde. Früher blieb die Arbeit des Spitzenkochs meist hinter Küchentüren verborgen. Heute ist Alexander Posch sichtbar wie kaum ein anderer Sternekoch. Zwischen Marktständen, Kaffeeduft, Mittagsgästen und dem Trubel des Kaiser-Josef-Platzes ist er mitten im Geschehen.
Täglich dreht er seine Runde über den Markt, schaut, was die Standler mitgebracht haben, spricht mit Produzenten und lässt sich inspirieren. Viele Gerichte entstehen genau dort – aus dem Angebot des Tages und aus dem, was die Saison gerade hergibt. Das Besondere dabei: In der Genießerei stehen Sterneküche und Alltag nebeneinander. Während an einem Tisch Fine Dining auf Sterneniveau serviert wird, bestellt am Nebentisch jemand Pommes. Marktbesucher, Stammgäste, Feinschmecker und Touristen teilen sich denselben Raum. Die Küche ist klein, die Wege kurz, der Platz begrenzt. Trotzdem entstehen hier Gerichte auf höchstem Niveau. Viele Handgriffe, viel Präzision und ein Team, das auf engstem Raum Außergewöhnliches leistet. Vielleicht macht genau das die Genießerei so besonders: Spitzengastronomie, die nicht hinter verschlossenen Türen stattfindet, sondern mitten im Leben.
Vier Sterne, vier Handschriften
Walter Triebl, Jan Eggers, Patrick Faist und Alexander Posch verbindet weit mehr als eine Auszeichnung. Jeder von ihnen hat seinen eigenen Zugang zur Kulinarik gefunden. Der eine setzt auf kompromisslose Produktqualität, der andere auf Perfektion im Detail. Einer lebt Regionalität bis in die letzte Konsequenz, ein anderer bringt Spitzengastronomie dorthin, wo man sie am wenigsten erwartet. Genau diese Vielfalt macht die neue Sternegeneration der Steiermark so spannend. Denn Michelin-Sterne entstehen nicht nach einem Rezept. Sie entstehen aus Persönlichkeit, aus Haltung und aus der Bereitschaft, den eigenen Weg konsequent zu gehen. Und genau deshalb ist die eigentliche Erfolgsgeschichte nicht die Auszeichnung selbst, sondern die Menschen dahinter.


