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Mythos Tankstelle: Wo das Leben auftankt
Diesel, Dialoge & Duft nach frischem Gebäck – mit diesem energetischen Dreigespann beginnt in Hirnsdorf im Feistritztal seit Jahrzehnten jeder Tag. Während das halbe Land noch schläft, belegt Tankwartin Anita Steinmann schon die ersten Weckerln. Und Juniorchefin Anna Katharina Huber ordnet die druckfrischen Zeitungen ein, als um 5 Uhr früh die ersten Stammkunden jenes Gebäude betreten, auf dessen Dach einem von Weitem schon das Wort „Auftankort“ entgegenleuchtet. Egal ob Manfred, der hier seit Jahrzehnten seinen nächtlichen Arbeitstag als Bäcker mit einem Kaffee beendet, oder eine große Schar von Bauarbeitern, die sich vor ihrer Schicht hier noch einen Kick Extra-Energie holt. Koffein und Kollegen – der schnellste Weg zu einem guten Tag.
Seit mehr als 60 Jahren täglich im Geschäft
Die Tankstelle ist seit 100 Jahren ein Ort der Begegnung. Ein „Auftankort“, wo längst nicht nur Fahrzeuge frische Energie holen, sondern auch die Menschen. Ein Ort, wo das Leben nicht vorbeirauscht wie die Lastwagen an der Bundesstraße, sondern auch kurz haltmachen darf.
Am „Auftankort“ in Hirnsdorf seit mehr als 60 Jahren mittendrin: Maria Huber, 85 Jahre jung, stilvoll im Auftritt, seit jeher eine Unternehmerin mit Handschlag- und Herzschlagqualität. Sie erzählt von der Mischmaschine, die sie 1965 beim ersten von drei großen Tankstellen-Umbauten händisch befüllt hat, von Jahrzehnten an der Zapfsäule, bevor das SB-Tanken kam, von den ersten Jahren, die sie mit Familie im umfunktionierten Lagerraum gewohnt hat. Und sie erzählt, wie sie in den 1960er-Jahren mit ihrem Ehemann Karl Huber ins Tankstellen-Metier eingetaucht ist. Wie war der erste Tag? „Hart. Ich hatte ja nicht einmal einen Führerschein.“
Der Wandel Richtung Handel
Maria Huber hat mit ihrem Ehemann die gesamte Transformation der Tankstellenbranche miterlebt und vorangetrieben. Karl Huber galt stets als Visionär und war viele Jahre im Gremium der Tankstellen aktiv. Zur Zapfsäule kamen bald Wasch- und Saugstationen, ein sehr gefragter Reifenhandel und Serviceleistungen, die heute bis zum -E-Bike-Service reichen, ein Café und eine 24-Stunden-Automatenstation sowie ein bestens sortierter Lebensmittel-Shop samt exquisitem Weinregal mit Weinen aus der Region. Das macht aus einer Tankstelle eine Drehscheibe für die Region. Auf die Frage, ob sie in den letzten 60 Jahren je freigehabt habe, sagt Maria Huber: „Nein, warum?“ Nicht als Klage, sondern als Lebenshaltung. Hier stand man, weil man gebraucht wurde.
Ab 2002 führte die Tochter von Maria und Karl Huber den Betrieb mit gleicher Energie weiter. Nach dem viel zu frühen Tod ihrer Tochter Maria Huber ist nun Enkelin Anna Katharina, 22 Jahre alt, voll im Betrieb engagiert. Ihre Schwester Stefanie (21) will nach ihrem FH-Studium (Controlling und Rechnungswesen) operativ mit einsteigen.
Ob verwandt oder nicht - zur Familie zählen alle Mitarbeiter
Die Formen von Energie werden sich ändern, die Antriebe werden moderner, die Ladesäulen häufiger, doch das Ziel der Hubers bleibt unverändert: „Unser Auftankort soll immer ein Ort der Begegnung bleiben.“ Mit Menschen, nicht nur mit Automaten. So verschwimmt auch bei den elf Angestellten der Hubers die Grenze zwischen Firma und Familie. Erich Durlacher montiert seit 30 Jahren Reifen – es werden insgesamt mehr als 100.000 gewesen sein, doch er brennt für sein Metier wie am ersten Tag. Ebenso Alfred „Fredi“ Fleck, seit über 40 Jahren im Team. Selbst Betriebsleiterin Sabrina Hadolt, obwohl erst knapp über 30, hat schon mehr als die Hälfte ihres Lebens bei Reifen Huber verbracht. Kurzum: Ob verwandt oder nicht, zur Familie zählen sie alle.
Last Minute mit Stil
Wie so viele der steiermarkweit 474 Tankstellen ist auch der „Auftankort“ Huber ein kleines Universum, eine regionale Drehscheibe. Ob Kernöl oder Gebäck aus der Nachbarschaft, Hermes-Paketservice, Lebensmittel fürs Abendessen, wenn Supermärkte schon geschlossen haben, ob Last-Minute-Geschenke und Glückwunschkarten für Baby- oder Hochzeitsfeiern oder das opulente Weinregal: Das Huber’sche Sortiment hat oft aus Notlösungen Wunschvarianten gemacht. Und ja, auch die berühmt-gerüchigen Duftbäume fürs Auto sind noch immer gefragt, bestätigt Anna Katharina Huber.
Drehscheibe für Geschichten
Die Tankstelle als Drehscheibe für Energie und regionale Produkte, aber auch für Geschichten. Warum sind Menschen just an Tankstellen so gesprächig? „Weil sich hier seit 100 Jahren immer schon ein gemischtes Publikum trifft, jede Schicht, jedes Alter“, erklärt Manuela Tatschl, die Obfrau der steirischen Tankstellen in der Wirtschaftskammer, die mit ihrem Partner Konrad Wallner drei Tankstellen samt Shops in der Obersteiermark betreibt. „Egal, aus welcher Schicht die Menschen kommen, Energie brauchen alle. Fürs Fahrzeug. Für sich selbst. Genau das macht die Tankstelle zum Begegnungsort.“
Mythos Tankstelle? An Orten wie dem „Auftankort“ Huber ist er lebendig. Und er riecht 365 Tage im Jahr nach Diesel, Dialogen und dem Duft nach frischem Gebäck.
Wusstet ihr, dass...
… die erste „Benzinzapfstelle“ Österreichs am Grazer Jakominiplatz eröffnet wurde? Das war vor 101 Jahren, am 16. September 1924. Es gibt Bemühungen, dort einen Gedenkstein zu errichten.
… es aktuell 474 Tankstellen in der Steiermark (laut Fachverband der Mineralölindustrie) gibt und darüber hinaus 949 „Unternehmungen zur Wartung und Pflege von Kraftfahrzeugen“?
… es 1578 Beschäftigte in der Steiermark im Bereich der Garagen-, Tankstellen- und Serviceunternehmen gibt? Gegenüber 2010 ist das ein Beschäftigten-Zuwachs von 9,3 Prozent.
… der Frauenanteil bei den Beschäftigten in der WKO-Fachgruppe Garagen-, Tankstellen- und Serviceunternehmen bei
50,6 Prozent liegt?
… es pro Jahr 370 Neugründungen bundesweit in der Fachgruppe der Garagen-, Tankstellen- und Serviceunternehmen gibt?












