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Mythos Tankstelle: „Das ist mehr als ein Job, das ist ein ganzes Leben“
Viel Zeit zum Wachwerden bleibt nicht, um 5.30 Uhr in Grafendorf. Hier wird der Morgen schnell zum Heute: Draußen rauscht der Verkehr über die B54. Drinnen sperrt Hannes Fuchs das Tor zu seiner Welt auf. Wie jeden Tag. Und wie jeden Tag stehen schon die ersten Kunden da. Ein schneller Espresso vor der Arbeit. Einmal auftanken – ob fürs Auto oder für den Körper. „Das alles ist viel mehr als ein Job“, sagt Hannes Fuchs. Das ist das Leben. Der 58-Jährige hat es nirgendwo anders verbracht.
Seit 1964 gibt es die Tankstelle Fuchs. Damals wurde die Bundesstraße gebaut. Hannes‘ Eltern Johann und Maria Fuchs erkennen früh das Potenzial. Wenn eine Straße zwischen der Oststeiermark und Wien entsteht, müssen Fahrzeuge irgendwo tanken. Der Vater ist Maurer. Er fertigt jeden Abend zu Hause Betonrohre selbst an, um die Tankstelle zu befestigen. Schritt für Schritt entsteht mehr: Zweiradcenter, Waschstraße. Shop. Ein schönes Café. Ein kleines Universum für den Alltag.
Hannes Fuchs, der eigentlich Johann heißt, wächst genau hier mit seinen Schwestern auf. 1968 geboren. „Wir Kinder sind einfach mitgelaufen“, sagt er. Und das ist wörtlich gemeint. Die Tankstelle war nie nur Arbeitsplatz. Sie war Zuhause. Und ist das bis heute geblieben.
Jeden Tag als Erster rein und Letzter raus
Um sieben übernimmt eine der drei Angestellten den Job im Shop, während der Chef ins Büro wechselt. Bestellen, organisieren, abrechnen. Viel Arbeit, die niemand sieht. Danach geht’s rüber in die Werkstätte. Mopeds servicieren. Ersatzteile einbauen. Anlaufstelle für Tüftlerfragen aller Art sein. Um 18 Uhr geht’s zurück in die Tankstelle. Schlussdienst bis 21 Uhr. „Ich bin der Erste, der aufsperrt, und der Letzte, der zusperrt. Jeden Tag.“ Nur sonntags gönnt sich Hannes Fuchs neuerdings den Luxus, erst um 7 Uhr in die Tankstelle zu schauen.
Er sagt das nicht jammernd. So sei das halt, wenn man in eine Tankstellefamilie hinein geboren wird. Ein Leben für die Dienstleistung. Während viele nur auf die Spritpreise auf der großen Tafel schauen, läuft hinter jeder Tankstelle ein Betrieb, der fast rund um die Uhr organisiert werden muss. Von der Reinigung bis hin zu Gastro-Checklisten.
Unser reibungsloser Alltag ist sein Auftrag
Das Geheimnis, warum heute neben Automatentankstellen auch die familiär geführten funktionieren? Vielleicht ist es dieses Dreieck, das Hannes Fuchs selbst erklärt: Tanken. Service. Café. Wegen einer Sache kommen – was anderes gleich mit erledigen. Noch ein schneller Kaffee, während das Auto gewaschen wird. Im Shop noch was für daheim mitnehmen. Oder draußen im Gastgarten sitzt vielleicht schon jemand, den man kennt.
Gut beobachtet von Tankstellenhund „Anni“ wir hier ohnehin schnell klar: Diese Tankstelle ist viel mehr Treffpunkt als Zwischenstopp. Da sitzen Arbeiter nach Dienstschluss. Pensionisten am Vormittag. Motorradfahrer, die (Kraft) tanken. Und – sonst eher selten im Tankstellen-Universum: Frauenrunden beim Kaffee. Auch der pensionierte Arzt ist da. Der ehemalige Bürgermeister. Vielleicht ist das der wahre Mythos Tankstelle: Nicht Benzin. Nicht die Zapfsäule. Sondern diese kleinen Begegnungen dazwischen.
Und schon wieder ist Hannes Fuchs gefragt. Ein Kunde steht mit ölverschmierter Hose plötzlich mit einem Zahnrad da. Ein Moped-Tüftler, der Hannes‘ jahrzehntelang angeeignetes Wissen anzapft. Ja, Google kann heute bei vielen Problemen helfen – aber wenn‘s ums Zweirad geht, ist Hannes Fuchs unschlagbar. Vor allem das Zweiradgeschäft laufe erfreulich – so gut, dass sein Arbeitstag mehr als 24 Stunden bräuchte…
Wo Energie ist, wird niemals Stillstand sein
Doch die Zeiten waren nicht immer einfach. Mit der Autobahn in den 1980er Jahren kommt ein harter Einschnitt. Vater Johann Fuchs stellt daher früh auf eine freie Diskont-Tankstelle um. Wieder so ein Moment, wo jemand rechtzeitig erkannte, wohin sich die Welt bewegt. Stillstand war hier zwischen Hartberg und Wien offenbar nie eine Option.
Vielleicht auch deshalb beginnen Hannes’ Augen heute noch zu lachen, wenn er vom Radfahren erzählt. Seit Jahrzehnten seine Passion. Mitte der 1990er wird er viertbester Österreicher bei der Österreich-Rundfahrt. Vizestaatsmeister in der Bergwertung. Noch heute fährt er Radrennen. Bewegung – immer Teil seines Lebens. Und da haben wir wieder so eine Gemeinsamkeit mit seiner Tankstelle. Sie steht zwar seit über 60 Jahren am selben Platz. Aber stillgestanden ist hier nie jemand.
Die Arbeit hinter den Tankstellen sichtbar machen
Wer nur auf die Spritpreise schaut, übersieht womöglich das Wesentliche: Denn hinter einer Tankstelle stecken Unternehmer, Familien – und jede Menge Arbeit. Darüber sprechen Manuela Tatschl und Oliver Käfer von der zuständigen Fachgruppe in der Wirtschaftskammer. „Die wichtigste Aufgabe an Tankstellen ist es, Mensch zu sein“, sagt Manuela Tatschl, die mit ihrem Mann Konrad drei Tankstellen im Ennstal führt. Neben Job-Anforderungen im Verkauf, in der Gastronomie, im Kundenservice, als Techniker werde häufig die fast wichtigste Job-Funktion unterschätzt: Man sei oftmals Psychologe: „Viele brauchen einfach Ansprache“, sagt Tatschl. „Die Tankstelle ist ein Begegnungsort, weil sich die Menschen hier aufgehoben fühlen.“
Auch Oliver Käfer sieht genau darin die große Stärke der Tankstellen: „In einer immer digitaleren Welt bekommst du hier noch ein echtes ‚Guten Morgen‘ statt eines Facebook-Likes. Dieses Menschliche macht Tankstellen besonders.“ Gerade Familienbetriebe wie jener von Hannes Fuchs zeigen, wie viel Einsatz hinter so einem Betrieb steckt. „365 Tage im Jahr ist jemand da“, sagt Käfer. „Das sieht man als Kunde oft gar nicht.“
Der Tankstellenbetrieb habe sich über Jahrzehnte ständig verändert. Früher ging es fast nur ums Tanken, später kamen Service, Waschanlagen, Gastronomie und Lebensmittel-Shops dazu. „Mit Treibstoff alleine könnte heute kaum eine bemannte Tankstelle überleben“, sagt Tatschl. Trotzdem bleibe eines gleich: Tankstellen liefern Energie – nicht nur fürs Fahrzeug, sondern auch für Menschen. Einen Kaffee, ein Gespräch, eine Pause im Alltag. „Unsere Aufgabe ist es“, sagt Käfer, „die Familienbetriebe dahinter sichtbarer zu machen. Hinter jeder Tankstelle stehen Menschen, die es als Lebensaufgabe sehen, Energieversorgung 365 Tage im Jahr zu sichern. Damit wir unser Auto und unsere Seele auftanken – egal, mit welcher Form von Energie.“



























