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Radpilgerweg nach Mariazell: Wo der Weg zum Ziel wird
In der Früh liegt der Hauptplatz von Bruck an der Mur noch etwas verschlafen da. Als Treffpunkt für die Radtour ist der „Eiserne Brunnen“ vor dem Rathaus gut gewählt. Er erinnert daran, die Trinkflaschen noch einmal zu kontrollieren, diente der Brunnen doch ab dem 12. Jahrhundert zur Trinkwasserversorgung der Brucker Bevölkerung, die sich damit den Gang runter zum Mur-Ufer ersparte.
Wir wollen auf die 80,4 Kilometer am Radpilgerweg nach Mariazell dagegen nicht verzichten und fahren los. Die ersten Kilometer Richtung Kapfenberg sind freundlich flach, verlaufen aber noch durch gut belebtes und verbautes Gebiet. Deutlich ruhiger und naturnäher wird es im Thörlgraben. Der Seebergradweg führt auf einer ehemaligen Bahntrasse und fast immer in Sichtweite zum Thörlbach.
Die im Jahre 1893 errichtete, knapp 23 Kilometer lange, Schmalspurbahn diente vorzugsweise dem Güterverkehr (Holz-, Eisen- und Erzprodukte), der Personenverkehr wurde im Jahr 1959 eingestellt. Das Ende des Gütertransports folgte 1995. An der Ortseinfahrt von Thörl rückt nach einem kurzen Felstunnel die auf einem Felsvorsprung thronende Burgruine Schachenstein ins Blickfeld.
Hinter Thörl steigt die Strecke zunächst „sanft“ – beim Radfahren ein verdächtiges Wort. Es bedeutet meist, dass man den Anstieg erst bemerkt, wenn die Beine längst wissen, was los ist. Da wir – wie empfohlen – leistungshungrige E-Bikes gesattelt haben, bleiben diese und auch alle weiteren Bergauf-Passagen allerdings mühelos. Und auch wenn die Muskeln damit keine Rast bräuchten, gönnen wir den Motoren eine kurze Pause. Das legendäre „Gamsei“ der Konditorei Seidl in Turnau ist Grund genug: eine in Eierlikör getränkte Kirsche in Punschmasse, Eierlikörcreme und mit Schokolade überzogen. Kalorien? „Fast keine“, lacht Martina Seidl: „Unsere Mehlspeisen machen glücklich, nicht dick.“
Wer sich schon vor der Einkehr Appetit holen oder mehr über die traditionsreiche Konditorei erfahren möchte, findet alle Informationen auf der Homepage der Konditorei Seidl.
Kurz nach Turnau endet der Asphalt. Der Schotter beginnt. Hier fühlen sich die E-Mountainbikes daheim. Der Wald riecht nach Erde und Harz. Am Weg hinauf zur Rotsohlalm lohnt ein kurzer Stopp auf der Scheiklalm. Hier wird man mit einem eigenen „Radlfahrerkuchen“ aus Haferflocken, Äpfel und Kürbis empfangen, der vor dem 366 Jahre alten Gehöft serviert wird.
Über das Niederalpl und die Dürrieglalm führt uns die Extrabeschilderung nach einem knackigen Anstieg – ein „Festessen“ für den „Turbo-Mode“ am E-Bike – zum Pilgerkreuz Mooshuben. Genaugenommen sind es mehrere Pilgerkreuze, die uns hier beiderseits des Weges erwarten. Die Gruppe ist mittlerweile größer gewordene. Pilgern verbindet – auch am Fahrrad.
Zurück am Asphalt rollen wir zum letzten Zwischenstopp vor Mariazell: dem „Bio Hof Bichler“. Der im 18. Jahrhundert erbaute und kürzlich stilvoll renovierte Hof verwöhnt mit hausgemachten Buschenschank-Spezialitäten. Nach knapp 75 Kilometer in den Beinen fällt das Aufstehen vom sonnigen Terrassentisch und Aufsteigen auf die Räder nicht mehr ganz so geschmeidig aus. Dafür trennen uns vom Ziel nur noch ein paar Serpentinen hinauf zum „Luckerten Kreuz“, bevor uns unter dem „Grüß Gott in Mariazell“-Schild Richtung Ortszentrum geht. Die zwischen den Häusern durchblitzenden Turmspitzen der Basilika dienen als Orientierungshilfe.
Mehr zum Bio Hof Bichler gibt es auf der Homepage des Betriebs.
Als wir die Räder vor der Basilika abstellen, liegen knapp 1900 Höhenmeter hinter uns. Die offizielle Zeitangabe nennt siebeneinhalb Stunden Fahrzeit. Das ist leicht zu schaffen, hängt aber am Ende davon ab, wie viele Stopps man einlegt, wie lange man sitzen bleibt oder so tut, als würde man nur wegen der Aussicht pausieren. Am Ende, vor dem Altar stehend, bleiben Müdigkeit, Dankbarkeit und die einfache Freude, angekommen zu sein.
Die Wadeln und Oberschenkelmuskeln bekommen ihre Entspannungseinheit einen Tag später bei einem erfrischenden Bad im Erlaufsee. Eine echte Frischzellenkur, sodass wir am nächsten Tag noch mit der Seilbahn rauf auf die Bürgeralpe fahren und bei einer kleinen Wanderrunde das 360 Grad-Panorama genießen.
Für den Heimweg teilt sich die Gruppe dann wieder. Die einen nehmen das Radtaxi zurück nach Bruck, die anderen starten mit frisch aufgeladenen Fahrradakkus Richtung Mürzsteg los. Über Stift Neuberg radeln wir bis Mürzzuschlag, von wo es mit dem Zug zurück nach Bruck geht.


