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5komma5sinne/Martin Huber
Am Dachstein geht die Post ab – und plötzlich boomen Ansichtskarten
Schnurstracks geht es hinauf. So schnurstracks, dass Geröll und Steine nicht unter uns, sondern auf Augenhöhe vor uns liegen. Günther Hammerer legt ein Tempo vor, bei dem schon nach wenigen hundert Metern die Rollenverteilung geklärt ist: Er redet. Wir konzentrieren uns aufs Atmen. Für manche von uns ist es der Jungfern-Aufstieg auf den Jungfrauensteig, einer beliebten Wanderroute im Dachsteingebiet. Für Hammerer ist es ungefähr das, was für andere die abendliche Runde ums Haus ist. Nur mit knapp 700 Höhenmetern.
Herausragend: Die Steinernen Jungfrauen
Vor uns wächst die ikonische Felswand mit dem Gamsfeldspitz in den Himmel, rechts ziehen sich Geröllfelder hinauf, links lugt der Dachstein herunter. Wir latschen durch ein Feld aus Latschen. Werden sie lichter, wird der Blick weiter. Und irgendwann bleiben nicht nur die Ramsauer Hochebene und das Ennstal unter uns zurück, sondern auch ein Stück Alltag. Die Höhe beruhigt. Wenn man vom Herzschlag einmal absieht.
Der gebürtige Vorarlberger Hammerer kennt hier praktisch jeden Stein. Der Jungfrauensteig ist seit Jahren seine Hausstrecke. Kurz vor der Hälfte stehen jene „herausragenden“ Konglomeratfelsen Spalier, denen der Weg seinen Namen verdankt: die „Steinernen Jungfrauen“. Verstörend schön und ziemlich fotogen. Für die 670 Höhenmeter sind offiziell eineinhalb bis zwei Stunden Gehzeit angegeben. Günther Hammerers persönliche Bestzeit? 37 Minuten. Der Streckenrekord soll bei 25 liegen. Wir nehmen diese Information sportlich und keinesfalls als Aufforderung.
Dann leuchtet plötzlich von Weitem ein gelber Punkt aus der Felswand: unser Ziel. Auf exakt 1.955 Meter Seehöhe ist unterhalb des Gamsfeldspitzes ein Postkastl in den Fels geschraubt. Ein gelber Farbtupfer in einer Welt aus grauem Gestein und gewaltigem Panorama. Vorne steht: „Schreib mal wieder.“ Und das tun erstaunlich viele.
Hammerer öffnet zuerst das Fach mit den unbeschriebenen Ansichtskarten, schüttelt den Kopf. Sein Sohn Finn war erst vor wenigen Stunden hier, hat aufgefüllt und ausgeleert. Von rund 200 Karten ist bereits weit mehr als die Hälfte weg. Dafür ist das Postkastl selbst wieder gut gefüllt. „Und das in drei Stunden“, wundert sich Hammerer immer wieder, wie gut dieses private Service angenommen wird.
Aus Jux wurde ein (Gipfel-)Renner
Begonnen hat alles 2019 mit einer Idee der Ramsauerin Gudrun Fischbacher. Ein besonderes Ziel sollte Wanderer auf den Jungfrauensteig locken – vor allem Familien und Kinder. Ein Postkastl dort oben, erreichbar ausschließlich zu Fuß. „Wir haben uns gedacht: Geben wir den Leuten eine Belohnung“, erzählt Hammerer.
Der Tourismusverband Schladming-Dachstein war umgehend mit an Bord und übernimmt bis heute die Kosten für Ansichtskarten und Porto. Ein Freundeskreis kümmert sich ehrenamtlich um den Rest. Sie organisieren sich in einer WhatsApp-Gruppe. Deren Name: „Postler“. Anfangs reichte es, erzählt Günther Hammerer, vielleicht alle zwei Wochen nach dem Rechten zu sehen. Inzwischen muss das Postkastl in den Sommermonaten vier- bis fünfmal pro Woche geleert und mit frischen Karten bestückt werden. An starken Tagen werden 200 bis 300 Karten geschrieben. Allein er steigt rund 50 Mal pro Sommer hinauf. 670 Höhenmeter rauf – das macht fast 35.000 Höhenmeter pro Saison. 70.000 eigentlich, wenn man den Abstieg mitzählt. „Runter gehe ich in der Regel ja auch“, hat er schon ganz den trockenen Ramsauer-Humor angenommen.
Wir wollten den Menschen eine Belohnung geben, wenn sie es hier herauf schaffen.
Günther Hammerer, Freizeitpostler
Fanpost für den Postfan
Dabei ist Hammerer gar kein waschechter Postler. Zumindest nicht beruflich. Er macht das wie seine Kolleginnen und Kollegen freiwillig und unbezahlt. Inzwischen ist er selbst fast schon Teil der Sehenswürdigkeit. Hat er sich zwecks Authentizität doch ein (inoffizielles) gelbes Kapperl mit Posthorn besorgt. „Das Lustigste ist, wenn die Leute mich sehen und rufen: ,Sie gibt es ja wirklich!‘“ Und während sein berggebräuntes Gesicht von der Abendsonne angelacht wird, sinniert Hammerer: „Offenbar hält sich hartnäckig die Vorstellung, dass sich Ansichtskarten auf 1.955 Metern auf wundersame Weise selbst ins Tal befördern.“ Manche wollen gleich ein Foto mit dem Freizeitpostler. Andere hinterlassen ihm kleine Briefe. Fanpost für den Postboten. Manchmal steckt sogar Trinkgeld im Kasten. Ein anderes Mal ein herzförmiger Stein. Und gelegentlich Müll. Auch den trägt Hammerer hinunter. Wenn man schon die Post macht, kann man offenbar gleich noch die Müllabfuhr übernehmen.
Die Karten selbst reisen anschließend deutlich weiter als ihr erster Briefträger. Nach Deutschland und Österreich sowieso, aber auch nach Südamerika, Neuseeland oder Australien. „Alle Kontinente sind dabei“, sagt Hammerer.
Analoger Ausnahmezustand - Digitale Dramen
Der besondere Charme dieses kleinen, gelben Metallgehäuses lässt sich mit einem der wenigen Ausbruchsversuche aus unserer digitalen Welt erklären. Wir tippen, posten, liken und schicken Sprachnachrichten in Sekundenschnelle um die Welt. Hier oben sitzen Menschen auf einem Bankerl vor einem Stück Papier und überlegen, was sie jemandem schreiben wollen. Und manchmal auch, wie das überhaupt geht. „Da spielen sich Dramen ab“, lacht Hammerer. Jugendliche wissen teilweise nicht mehr, wo die Postleitzahl hingehört oder welche Angaben eine Karte braucht. Manche schreiben liebe Grüße, vergessen aber die Adresse. „Im Smartphone-Zeitalter drückt man eben einfach auf ‚Senden‘.“
Hammerer beobachtet die Menschen gerne beim Schreiben: Enkel schreiben an ihre Großeltern. Menschen an Freunde und Verwandte, die sie schon länger nicht gesehen haben. Und vermutlich stehen auf diesen Karten andere Sätze als auf jenen, die schnell unten im Tal zwischen Frühstück und Tagesprogramm geschrieben werden. „Da bin ich mir ganz sicher“, sagt Hammerer. „Die Leute sitzen hier, es ist still, sie haben die Aussicht und sie haben etwas geschafft.“ Viele zeichnen sogar das Bergpanorama auf ihre Karten.
Die berühmte letzte Meile
Das ist kein Wunder. Oder vielleicht genau ein Wunder (der Natur). Die Ramsau liegt tief unter uns, gegenüber ziehen sich die Schladminger Tauern durch den Horizont, die Bergspitzen der Schladminger Vierberge-Skischaukel grüßen herüber. Dahinter lacht der Hochgolling hervor. Rechter Hand beginnt der Röthelstein, mit der Abendsonne zu spielen.
Und weil wir schon dabei sind, schreiben wir eine Postkarte. Adressat: Peter Umundum, Vorstand für Paket & Logistik der Österreichischen Post. Schließlich widmet sich der steirische Manager seit vielen Jahren intensiv dieser berühmten „letzten Meile“: jenem letzten Stück einer Zustellung, das oft besonders aufwendig ist. Hier oben bekommt der Begriff eine völlig neue Dimension – wenngleich es eher die erste Meile ist.
Streng genommen ist das gelbe Kastl übrigens kein offizieller Briefkasten der Post. Denn dafür müsste die Post selbst fixe Entleerungszeiten garantieren – auf 1.955 Metern nicht machbar. Der offiziell höchstgelegene Postkasten der Steiermark steht deshalb auf der Turracher Höhe auf 1.781 Metern, der höchste in Österreich in Kühtai auf 1.945 Metern – da sind wir hier am Jungefernsteig gerade 10 Meter darüber.
Viele wissen gar nicht mehr, wie man eine Postkarte adressiert. Am Handy drückt man ja nur auf "Senden".
Günther Hammerer
Noch bis zur ersten Novemberwoche
Natürlich gibt es Tage, an denen auch Hammerers Beine nicht begeistert „Hurra!“ rufen. Was ihn dann trotzdem hinauftreibt? „Der Postkasten.“ Genauer gesagt, die Menschen. „Ich möchte sie nicht enttäuschen, wenn sie oben ankommen und keine Postkarte mehr da ist.“ Dass ausgerechnet dieses kleine, gelbe Kastl Menschen dazu bringt, ihre Kinder einzupacken, den steilen Anstieg zu überwinden, sich hinzusetzen und einem anderen Menschen ein paar handgeschriebene Zeilen zu schicken, fasziniert ihn bis heute.
Ganz ungefährlich ist sein privater Postweg freilich nicht. Einmal überraschte ihn ein massives Gewitter. Blitz, Hagel, Sturm – das volle Programm. „Da merkst du dann schon: Du bist im Hochgebirge. Auch wenn du jeden Stein kennst.“ Meistens sind seine Wege weniger dramatisch. Dafür sieht Hammerer als einer der Ersten, wenn nach Unwettern Bäume auf dem Weg liegen oder Passagen beschädigt sind. Dann meldet er es weiter.
Unser Rückweg führt über den Brandriedl. Bergab heißt dabei keineswegs bequem: Der Schotter rutscht unter den Schuhen, die Beine haben inzwischen auch eine Meinung zum Thema. Kalbinnen grasen vor dem Dachstein-Panorama, der frische Abendwind kündigt langsam an: Er ist bald umma, der Almsumma. Voraussichtlich bis zur ersten Novemberwoche hängt der Postkasten oben. „Es gibt Anfragen, vor allem von Skitourengehern, warum wir ihn nicht das ganze Jahr betreiben – aber der Kasten würde den Schneedruck gar nicht aushalten.“
Über den Roseggersteig geht es zurück Richtung Alpengasthof Edelbrunn, wo wir gestartet sind. Ein letzter Blick hinauf. Der Gamsfeldspitz leuchtet rot in der Abendsonne, Gämsen stehen im Geröll. Und irgendwo dort oben hängt dieses kleine, gelbe Postkastl. Bald wieder voll mit Grüßen und Gedanken – und vielleicht der einen oder anderen Karte ohne Postleitzahl. Günther Hammerer wird sie holen. Wie so oft. Und wer leert eigentlich seinen Briefkasten daheim? Hammerer lacht. „Auch ich.“ Nur vermutlich nicht ganz so oft.













