Kulinarium Steiermark: Wenn Wirtshäuser mit Fine Dining verzaubern

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Bodenständige Küche und mehrgängige Menüs auf gehobenem Niveau müssen sich nicht ausschließen. Das Kupferdachl in Premstätten, die Liebocher Stubn in Lieboch und das Wirtshaus Thorbauer in Graz beweisen, wie gut urige Wirtshauskultur und Fine Dining zueinanderpassen. Wir haben den drei Kulinarium-Steiermark-Betrieben in der Erlebnisregion Graz einen Besuch abgestattet.

Außergewöhnliches im Kupferdachl

Wir beginnen heute mit einem regelrechten Ausnahme-Wirtshaus: dem Kupferdachl von Spitzenkoch Daniel Edelsbrunner. Das Haubenlokal in Premstätten in der Erlebnisregion Graz fährt zwei Linien: ein Wirtshaus mit klassischer steirischer Küche, das allerdings auch bereits mit zwei Hauben ausgezeichnet ist, und ein Fine-Dining-Lokal für das noble Abendessen, für das Daniel Edelsbrunner gleich vier Hauben eingeheimst hat.

Der Weg führt zunächst durch den Gastgarten mitsamt plätscherndem, von Palmen gesäumtem Biotop, imposantem Olivenbaum und dem verbliebenen Rest des namensgebenden Kupferdachls, das die Außenbar schmückt. Drinnen ist alles in stilvollen Grau- und Beigetönen gehalten. Stimmungsvolle Beleuchtung und regelmäßig wechselnde Kunstwerke an den Wänden lassen uns Großes erwarten. Und – kleiner Spoiler vorab – diese Erwartungen werden nicht enttäuscht.

Alles aus dem engsten Umkreis

Die Speisekarte des Kupferdachls ist klein, aber fein, und vor allem regional. Gewechselt wird sie übrigens teilweise wöchentlich, „letzten Samstag sogar zweimal am Tag, wenn uns etwas ausgeht“, erklärt Daniel Edelsbrunner. Heute finden wir darauf Spezialitäten wie beispielsweise ein Kalbsrahmherz vom Almrind, Zweierlei vom Bio-Perlhuhn vom Biohof Krainer in Riegersburg und Forelle von der Bio-Fischzucht Declevas mit Parmesanpolenta. Da Daniel Edelsbrunner und sein Team die Philosophie verfolgen, Tiere im Ganzen zu verwerten, gibt es auch immer wieder Innereien. Die Fine-Dining-Karte wechselt etwas seltener, da die mehrgängigen Menüs jeweils aufwendig aufeinander abgestimmt werden.

Krautfleckerl, die man so schnell nicht vergisst

Heute folgen wir der Tagesempfehlung und essen zur Vorspeise etwas, das wir in einem Haubenlokal gar nicht wirklich erwartet hätten: Krautfleckerl. Die Fleckerl werden, wie alle Nudeln, in der Küche selbst hergestellt. Und dann wird geschmort – „mit viel Butter, Kümmel und Zeit“, verrät Daniel Edelsbrunner. Zuletzt wird der Klassiker mit dem regionalen Weißkraut eingekocht und – wenn die Saison passt – mit Trüffeln verfeinert. Für den Extra-Crunch streut der Spitzenkoch ein paar Erdäpfelchips darüber. Fertig ist der Klassiker, und alle Großmütter würden vor Neid erblassen. Die Krautfleckerl sind – sorry, Omi – tatsächlich eine Liga über dem, was man sonst unter Hausmannskost versteht.

Kindheitserinnerungen: Faschiertes mit Püree

Der Genuss wird mit einem weiteren Klassiker aus der Kindheit fortgesetzt: Faschiertes mit Erdäpfelpüree. Da gerade die Saison passt, gibt’s dafür Rehfaschiertes. Das Wild bezieht Daniel Edelsbrunner direkt aus der Region, vor allem aus dem nahegelegenen Kaiserwald. Generell achtet er auf regionale Zutaten. „Alles andere macht für mich keinen Sinn“, sagt er kurz und bündig. Er sähe keinen Sinn darin, Zutaten aus aller Welt zu kaufen, wenn es mindestens ebenso gute Produkte direkt vor der Haustüre gäbe. „Das ist auch der Grund, warum wir schon lange Mitglied beim Kulinarium Steiermark sind. Wir waren immer sehr verwurzelt in der Region und legen auch sehr großen Wert auf unsere heimischen Lebensmittel.“ Doch zurück zum Reh: Auch hier legt Daniel Edelsbrunner noch ein Schäuferl drauf und verfeinert sein saftiges faschiertes Laibchen mit allerlei Gewürzen, Röstzwiebeln und Eierschwammerl. „Im Herbst haben wir generell sehr viele Wildgerichte auf der Karte, u. a. Rehschnitzel, Zweierlei vom Reh und Hirschbraten.“

Das Auge isst mit

Angerichtet werden die Speisen übrigens auf eigens für das Kupferdachl angefertigten Tellern von Elsi Tischkultur. „Ein schöner Teller und ein ansprechendes Ambiente gehören zum Gesamtkonzept“, ist Daniel Edelsbrunner überzeugt. Geschmeckt hätte es uns aber bestimmt auch in einer Tupperdose – denn Daniel Edelsbrunner versteht es, jede Aromakomponente hervorzuheben und perfekt zu kombinieren. Das gelingt auch bei der Nachspeise, noch einmal aus Omas Kochbuch: dem klassischen Zwetschkenknödel. „Wir schauen schon darauf, dem Zeitgeist zu entsprechen. Aber die steirische Wirtshausküche kann man nicht neu erfinden. Die ist generell voller guter Speisen“, betont Daniel Edelsbrunner.

Ehrliche Küche in der Liebocher Stubn

Das können wir auch bei unserem nächsten Besuch nur bestätigen. Auch die Liebocher Stubn in Lieboch gehört zu den Haubenlokalen von Kulinarium Steiermark. Küchenchef Markus Gröblbauer, der das Gasthaus gemeinsam mit Andreas Oberlerchner führt, betont: „Uns ist es ganz wichtig, dass die Gäste wirklich das bekommen, was auf der Karte steht. Wir bieten ehrliche Küche an.“ So ist sein Beef Tatar beispielsweise handgehackt und zu 100 % ein Filetstück vom österreichischen Simmentaler Rind. „Unser Beef Tatar zählt zu den beliebtesten Gerichten der Gäste. Wir interpretieren es immer wieder neu und haben mittlerweile sechs verschiedene Varianten davon“, erzählt Markus Gröblbauer. Wir bekommen eine besonders feine Variante: mit einem Topping aus knusprigem Schärdinger-Asmonte und Kernölmayonnaise.

Kein Schnickschnack nötig

Generell würden wir gerne auch noch die fünf anderen Beef-Tatar-Varianten probieren, doch angesichts der sonstigen Versuchungen auf der Speisekarte switchen wir auf die Suppe mit handgemachtem Kaspressknödel. Die liegt Markus ebenfalls am Herzen, schließlich ist er ein passionierter Wanderer und Hütten-Einkehrer. Passend dazu serviert er gerne Gerichte ohne Schnickschnack: „Man soll hier einfach satt werden.“ Mittwochs, donnerstags und freitags gibt es jeweils zwei Mittagsmenüs, eines mit Fleisch, eines vegetarisch, immer mit Suppe und Salat. Ansonsten umfasst die Speisekarte etwa acht Hauptgerichte, von denen ein Teil alle ein bis zwei Monate wechselt. Derzeit finden wir darauf die passenden Gerichte des Spätsommers: gebackene Bio-Kräuterseitlinge, Eierschwammerlgulasch und als Dessert Schokoladenkuchen.

Ein Zeichen der bodenständigen Küche

Neben dem Beef Tatar sind es das Filetsteak und das Wiener Schnitzel, die von den Gästen besonders geschätzt werden. „Das gehört alles zur steirischen Küche, und die ist einfach extrem gut“, ist sich Markus sicher: „Sie ist ehrlich, sie ist bodenständig, sie macht satt und sie löst ein Wohlgefühl in uns aus.“ Deswegen trägt er mit Stolz das Grüne Herz von Kulinarium Steiermark, das für die Regionalität seiner Küche steht.

Doch neben all dem klassischen Wirtshausflair kommt in der Liebocher Stubn die Romantik nicht zu kurz: „Es gibt bei uns auch die Möglichkeit eines 5-, 6- oder 7-Gänge-Menüs mit Weinbegleitung“, ergänzt er für alle, die lieber auf Fine Dining setzen. Gereicht wird dazu gerne ein Aperitif abseits der klassischen Varianten: „Wir haben drei hervorragende Frizzante vom Weingut Weber zur Auswahl: einen Schilcher-Frizzante, einen Muskateller-Frizzante und einen Marillen-Frizzante.“

Ein Schnitzel, das für sich steht

Zuletzt kredenzt uns Markus Gröblbauer ein klassisches Schnitzel, und zwar, ganz der Philosophie der Liebocher Stubn folgend, ohne viel Drumherum. „Kalbswiener gibt’s eh überall, aber wir setzen bewusst auf das steirische Schweineschnitzel, das wir traditionell in Butterschmalz herausbacken“, erklärt uns Markus Gröblbauer, während das Schnitzel in der Pfanne brutzelt und unglaublich schön aufgeht – ein Zeichen für eine besonders knusprige Panier. „Unser Schnitzel steht für sich“, sagt er, als er uns den Klassiker auftischt. Und das stimmt: Es schmeckt so gut, dass wir beinahe auf die Beilagen vergessen.

Ein Wirtshaus mit Tradition: Wirtshaus Thorbauer

Unser letzter Weg für heute führt uns nach Graz zum Wirtshaus Thorbauer, wo Martin und Leopoldine Thorbauer aufkochen. Das Wirtshaus ist ein echter Traditionsbetrieb: Eröffnet wurde es nämlich bereits im Jahr 1862; 2008 hat Martin Thorbauer gemeinsam mit seiner Frau den Betrieb in fünfter Generation von seinem Vater übernommen. Neben einem großen Umbau hat sich in den Jahren auch auf der Speisekarte einiges getan: „Man entwickelt sich ja immer wieder weiter und so haben wir auch immer wieder neue Sachen ausprobiert, verschiedene Themenabende und dann auch das Fine Dining.“

Fine Dining findet im Wirtshaus Thorbauer jeden Freitagabend um 18 Uhr statt – mit so großem Erfolg, dass das achtgängige Menü bis Jahresende bereits ausgebucht ist. Aufgetischt werden dabei aber keine internationalen Luxusspeisen – denn wie bei allen Gerichten auf der Speisekarte verfolgen die Thorbauers auch bei der gehobenen Küche das Motto „So regional wie möglich“. Saisonale, modern interpretierte Speisen stehen dabei am Programm.

Einfach in der Region produziert

Martin Thorbauer ist sich sicher: „Wir brauchen keine Zutaten aus aller Welt. Wir bekommen alles, was wir brauchen, hier im Umkreis von 45 Minuten Autofahrt.“ Für jeden Wunsch finden sie den passenden Produzenten, erklärt Leopoldine: „Wenn wir Nudeln mit Roter Beete für ein Gericht benötigen, dann gibt es rundherum genug Bauern, die das extra für uns herstellen.“ Fleisch vom Jäger, Kürbiskernöl vom Nachbarbauern Lanz in Hitzendorf, Joghurt und Milch aus der Umgebung – überall weiß das Ehepaar, woher die Produkte kommen und wie sie hergestellt werden. So entstehen auch immer wieder neue Kreationen: „Manchmal kommen die Produzenten zu uns und sagen: Wir bauen gerade was Neues an, wollt ihr daraus nicht einmal etwas kochen?“, erzählt Leopoldine Thorbauer.

Neu interpretierte Klassiker

Die traditionelle steirische Küche ist den Wirtsleuten ein großes Anliegen. Aber: „Es soll auch die Jugend ansprechen und nicht nur die alten Leute. Deswegen lassen wir uns immer wieder neue Interpretationen einfallen.“ Eine solche Neuinterpretation dürfen wir heute verkosten: eine Zwiebelrostbratenroulade, gefüllt mit Birne, Kürbis, Speck und Apfel – übrigens eines der beliebtesten Gerichte auf der Karte. Das Grundrezept, der klassische Zwiebelrostbraten, wird dabei nicht nur gefüllt, sondern auch mit allerhand Köstlichkeiten wie fermentierten Zwetschken, Fichtennadelöl und Vogelbeeren verfeinert, bis ein regelrechtes Kunstwerk daraus entsteht. „Es freut uns immer, wenn die Leute staunen und sagen: Das ist ja fast zu schön zum Essen. Und wenn sie hinterher auch noch begeistert sind, wie gut es geschmeckt hat, dann wissen wir, dass wir alles richtig gemacht haben“, schmunzelt Martin Thorbauer.

Stolz ist er auch auf seine moderne Variante der Blutwurst: ein Blutwurst-Burger. „Wir sind ein Wirtshaus, aber wir sind nicht langweilig. Die jungen Leute sollen nicht nur zum Fast-Food-Lokal gehen, sondern sich auch auf ihre steirischen Wurzeln besinnen und unsere schöne regionale Küche nicht vergessen“, begründet Leopoldine die ungewöhnliche Umsetzung des Klassikers der steirischen Küche. Die Ideen dazu kommen den beiden teilweise in der Nacht: „Da starre ich dann an die Decke und mache mir Gedanken darüber, wie man ein Gericht neu interpretieren oder verbessern kann“, erzählt Martin. Und die Ideen, die dabei entstehen, können sich sehen lassen.

Mit viel Herzblut

Die Liebe von Martin und Leopoldine zu den heimischen Zutaten ist überall spürbar. Das merkte auch Kulinarium-Steiermark-Gründer Willi Haider bei einem Besuch in ihrem Wirtshaus: „Er hat gesehen, dass wir ein regionaler Betrieb mit viel Herzblut und Leidenschaft sind, und so hat er uns dazu geraten, dem Kulinarium Steiermark beizutreten“, erinnert sich Martin Thorbauer zurück. Wichtig ist den beiden: Trotz hochwertiger Zutaten und Fine-Dining-Schiene wollen sie ein leistbares Wirtshaus für alle bleiben. „Es gibt ja nicht mehr so viele Wirtshäuser, deswegen ist es umso wichtiger, dass die paar noch erhalten bleiben“, so Leopoldine. Und beide sind sich sicher: „Es muss gar nicht immer super nobel sein. Ein gutes Eierschwammerlgulasch macht die Leute auch glücklich.“

Vielfalt auch für Vegetarier

Glücklich werden hier übrigens auch die Vegetarier. Denn Martin und Leopoldine tischen für Fans von fleischlosen Gerichten mehr auf als nur einen Salat. „Unsere Kartoffel-Maroni-Knödel in Bröseln und Mohn kommen beispielsweise sehr gut an. Dazu gibt es Rotkraut mit Weintrauben, Äpfeln, Birnen und Zwetschken. So vereinen wir die verschiedensten Aromen, die dann auch ohne Fleisch zu einem unglaublichen Geschmackserlebnis werden“, meint Leopoldine. Auch mit fermentierten Produkten wird oft experimentiert, damit süße, saure und herbe Noten perfekt aufeinandertreffen. Die vielversprechenden Knödel müssen wir natürlich ausprobieren. Auch sie haben etwas Fermentiertes dabei: fermentierten Knoblauch, der der eher süßlich schmeckenden Speise eine angenehme Würze verleiht. Ein klares „Daumen hoch“ von uns!

Unglaubliche Aromen-Kombinationen

Dass die Aroma-Vielfalt auch bei der Nachspeise nicht aufhört, beweist Leopoldines Dessert-Variation. Wer denkt, dass der letzte Gang nur süß sein muss, irrt. Wir bekommen ein Steiramisu mit Vanillecreme und Kürbiskernen, dazu hausgemachtes Joghurteis aus Mantscha Müch und Topfenknödel in Kürbiskernen mit Zwetschken-Gel. Verziert wird alles mit einer Schokoladenhippe in Blattform. Die Kombination aus fruchtigen Noten, cremiger Konsistenz, knackigen Bröseln, süßer Schokolade und milder Säure aus dem Joghurteis ist einmalig. Und wir können uns der Meinung der Thorbauer-Gäste nur anschließen: beinahe zu schön zum Essen, aber bei jedem Bissen der pure Genuss!

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