Vom Arzt zum Naturzähler

Michael Schlamberger hätte Arzt werden können. Stattdessen entschied er sich fürs Filmen und die Unberechenbarkeit der Natur. Heute gehört der Steirer zu den profiliertesten Naturdokumentaristen Europas – und sucht hinter spektakulären Bildern vor allem eines: Geschichten.

Michael Schlamberger kommt aus einer Welt, in der die berufliche Karriere eigentlich vorgezeichnet ist: Medizin studiert, zum praktischen Arzt ausgebildet, klare Laufbahn, sichere Zukunft. Aber schon zu Beginn des Studiums in Graz kam das Wasser dazwischen. Oder genauer: die Neugier auf das, was unter dessen Oberfläche liegt. Schlamberger kaufte sich eine gebrauchte Unterwasserkamera, begann zu tauchen, zu fotografieren, Vorträge zu halten, um das kostspielige Hobby zu finanzieren. Zwischen Medizinvorlesungen und Tauchausflügen meldete sich dann plötzlich der ORF mit der Frage, ob er im Stil seiner Unterwasserfotos auch eine Filmdokumentation für das Hauptabendprogramm machen könnte. „Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nie eine Filmkamera in der Hand gehabt“, erinnert sich Schlamberger. Er sagte zu, lieh sich die notwendige Ausrüstung aus und begann zu filmen. Aus dem Hobby wurde eine zweite Arbeit, bis er sich an der Weggabelung zwischen Klinik und Kamera statt für Krankheiten, Operationssaal und Patientenversorgung schließlich für die Unberechenbarkeit von Licht, Landschaft und Tierverhalten entschied. Gemeinsam mit seiner Frau Rita, einer promovierten Biologin, gründete Schlamberger 1992 die Produktionsfirma ScienceVision.

„Wir sind dann langsam der Evolution gefolgt“, schmunzelt Schlamberger: „Wir sind aus dem Wasser gestiegen und haben auch an Land zu filmen begonnen und immer größere Dokumentationen gemacht.“ Heute gehört das Duo zu den profiliertesten und mehrfach ausgezeichneten Produzenten von Natur- und Wissenschaftsfilmen der Szene. Was sie auszeichnet, ist permanente Neugier, akribisches Tüfteln an der technischen Ausrüstung und ein präziser Qualitätsanspruch an Bild, Plot und Rhythmus. Die Lehrjahre waren deshalb keine geschmeidige Akademieerzählung, sondern ein teilweise ernüchterndes Learning by Doing. Später folgten Ausbildungen in Dramaturgie und Kamera, viel Kinoanalyse, viel Handwerk. Schlamberger lernte, Bilder nicht nur zu machen, sondern sie zu bauen. Wer ihm zuhört, hört einen Dauerbegeisterten der Natur, aber keinen Romantiker der Wildnis, sondern einen Mann, der Bilder und Einstellungen sammelt, Systeme liest und Bewegungen und Abläufe als Dramaturgie begreift. Und mit dem Unvorhersehbaren und Unplanbaren umzugehen weiß: Ein Elefant reagiert nicht auf Zuruf, ein Rabe hält sich nicht an ein Drehbuch, ein Fluss trifft keine Abmachung. „Wenn du eine Tiersequenz drehst, kannst du nicht sagen, ich möchte gerne, dass der Löwe von da kommt, drei Sekunden stehen bleibt und dann weitergeht.“

Was nach Abenteuer klingt, ist eine Schule der der Demut

Daher wird ein Kuckuck über zwei Brutperioden begleitet, eine Landschaft zu allen Jahreszeiten besucht, auf politische Unwägbarkeiten an exotischen Drehorten reagiert. Das klingt nach Geduldsprobe und Abenteuer; in Wahrheit ist es eine Schule der Demut. Die Natur ändert sich, politische Lagen kippen, Expeditionen werden abgebrochen, Material muss gesichert werden, und manchmal wird aus einer Naturgeschichte über Krokodile in der Wüste ganz plötzlich eine Geschichte über Flucht, Grenzfälle und Kalaschnikows. Wer in Afrika dreht, braucht nicht nur einen Plan, sondern die Bereitschaft, alles noch einmal neu zu denken.

Mit seiner Frau Rita, einer promovierten Biologin (neben dem Wolf), gründete Michael Schlamberger „ScienceVision“. Mit den Lipizzanern wurde in Marokko gedreht.

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