Der Kapitän des Hartberger Fußballmärchens

Mit 18 Jahren kam Jürgen Heil von Anger zum TSV Hartberg. Zehn Jahre später ist er Kapitän und hat das blau-weiße Fußballmärchen von der Regionalliga bis in die Bundesliga mitgeschrieben. Ein Gespräch über Heimatverbundenheit, den Weg vom Dorfplatz zum Profifußball und warum die Steiermark für ihn nach frisch gemähtem Gras riecht.

Jürgen, du bist mit dem TSV Hartberg von der dritten bis in die Bundesliga durchmarschiert. Darf man da Fußballmärchen sagen?

Es ist so etwas, ja. Ich bin heuer das zehnte Jahr da, aber es ist alles so schnell gegangen, dass man manchmal gar nicht dazu kommt, alles zu reflektieren.

War das Cup-Finale gegen den Wolfsberger AC Anfang Mai das bisherige Highlight?

Wir haben leider mit einem Tor Unterschied verloren, aber es waren Tausende Hartberger in Klagenfurt, wir haben uns nur gefragt, wo die alle herkommen, die Stimmung war super. Das war so ein Tag, an dem ich mir auch einmal Zeit genommen habe, über den Erfolg nachzudenken. Ich erinnere mich an die Ruhezeit vor dem Spiel. Das sind die Momente, in denen man versucht, noch ein bisschen zu schlafen. Aber das war am Finaltag nicht möglich, ich war zu nervös. Also habe ich mich hingesetzt und in mein Buch geschrieben, in dem ich gerne meine Gedanken festhalte. Da habe ich dann realisiert: Ich bin jetzt 28 Jahre alt und stehe bei über 200 Bundesliga-Spielen – alle für den TSV Hartberg. Das ist eigentlich nicht zu glauben.

Man sagt oft, dass jemandem ein Beruf in die Wiege gelegt wurde. Ich vernehme meiner Recherche der Fußballfamilie Heil: bei dir noch mehr als bei anderen

Das stimmt. Der Papa war Fußballer und Trainer bei uns in Anger, die Mama war Jugendleiterin beim Verein, mein Bruder hat für Anger gespielt, der Opa war Obmann, die Tante
Schriftführerin und bei den Heimspielen hat die Oma noch von den Zuschauern Spieltipps eingesammelt.

Fußballer haben ein Privileg: Sie haben ihre größte Leidenschaft zum Beruf gemacht. Wann hast du daran geglaubt, dass du es zum Profisportler schaffen kannst?

Mein älterer Bruder Marco war da entscheidend. Wenn du so ein junger Bub vom Land bist, dann ist allein die Vorstellung, es in eine Akademie nach Graz zu schaffen, schon unrealistisch. Für uns ist Graz ja quasi eine Weltstadt gewesen. Durch Marco habe ich gesehen, dass es für einen Burschen aus Anger möglich ist, in der Fußballspitze mitzuhalten. Auch wenn ich dann in meiner Jugend lange nicht daran geglaubt habe.

Warum?

Ich wollte unbedingt mit 14 Jahren in einer Akademie unterkommen, habe in verschiedenen Bundesländern vorgespielt – aber niemand wollte mich. Die einen haben gemeint, ich sei zu klein, andere, ich sei einfach zu schwach.

Und trotzdem bist du in der U16 und U17 bei Lehrgängen des österreichischen Nachwuchsnationalteams dabei gewesen, was für Spieler eines Dorfvereins wie Anger eigentlich nicht erreichbar ist?

Ich weiß noch, wie mir mein Vater diesen Zettel mit der Einberufung vom ÖFB gezeigt hat. Da sind all die Namen gestanden – auch die von heutigen Nationalspielern wie Konrad Laimer oder Stefan Posch – und ihre Vereine. Salzburg, Rapid – die größten Klubs des Landes. Und auf einmal steht da mein Name und in Klammern der SV Anger, ein Viertligaklub aus der Oststeiermark.

Du bist von Anger als 18-Jähriger in der dritten Liga zu Hartberg gewechselt, mittlerweile spielt ihr seit sieben Jahren Bundesliga. Und damit sechs Jahre länger, als euch alle Experten zugetraut hätten. Was ist euer Erfolgsgeheimnis?

Man muss dazu sagen, dass an den Aufstieg damals nur unser Trainer geglaubt hat – Christian Ilzer. Er hat sich in die Kabine vor uns hingestellt und gesagt: „Ich will aufsteigen.“ Als er wieder draußen war, haben wir als Mannschaft nur gelacht und gesagt: „Schön, dass er das will, aber wie soll das funktionieren?“ Aber wir haben es geschafft – und in den letzten Jahren noch viel mehr. Und das mit einem Budget, das viel geringer ist als bei anderen Klubs. In unserem Büro sitzen vielleicht zwei Leute, wo andere Vereine Dutzende Mitarbeiter beschäftigt haben. Der Rest sind sehr viele ehrenamtliche Helfer – ohne sie würde es den Verein gar nicht geben. Das ist die Basis für unseren Erfolg – dieser besondere Einsatz von vielen Menschen überträgt sich auf uns als Mannschaft.

Auch der Support der Fans ist nicht zu unterschätzen – Hartberg hat nicht einmal 7.000 Einwohner, im Durchschnitt kommen über 3.000 Zuschauer ins Stadion, also eigentlich ist immer halb Hartberg da.

Die Stadt und die Region waren immer fußballverrückt, aber wir haben noch einmal neu etwas entfacht in der Umgebung. Man merkt, den Menschen in Hartberg ist der Verein enorm wichtig. Umso schöner ist es, dass die Stadt und das Land investiert haben und mit dem Stadionumbau dafür sorgen, dass es noch länger Bundesliga-Fußball in der Stadt geben kann.

Welche Bedeutung hat ein Fußballverein allgemein in einem Ort?

Der Fußballverein ist immer ein Treffpunkt für Menschen – das sieht man in Hartberg, das ist in Anger so. In Vereinen, und das gilt ja nicht nur für den Sport, kommen Menschen zusammen und so wird der Fußballverein zu einem wichtigen Baustein für die Gesellschaft und das Miteinander.

Apropos Anger: Wer ist eigentlich noch bei deinem Heimatverein aktiv aus der Familie?

Nur mehr der Opa – als Präsident. Und auch das Stadion ist nach ihm benannt. Er war übrigens damals, vor meinem Wechsel zu Hartberg, auch der Einzige, der wollte, dass ich bleibe. „Du wirst enterbt, wenn du gehst“, hat er gesagt (lacht). Aber auch er ist natürlich stolz auf das, was ich erreichen durfte.

Du wohnst mittlerweile in Graz, wie oft bleibt da noch Zeit für einen Besuch in Anger?

Alle ein bis zwei Wochen bin ich da. Es taugt meiner Freundin und mir schon, wenn wir einmal nicht selber kochen müssen. Und die Mama freut sich auch, wenn sie uns verköstigen darf. Vor allem ihre faschierten Laibchen sind unschlagbar.

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