Copyright ©
Mariya Donska
Die Kunst der Interaktion
Wenn man dich googelt, findet man öfter die Beschreibung „interaktiver Künstler“. Was kann man sich darunter eigentlich vorstellen?
Bei meinen Performances und Installationen besteht immer eine direkte Interaktion mit dem Publikum, also das Kunstwerk wird erst fertig, wenn das Publikum involviert ist und Teil des Werks wird. Dazu entwerfe ich beispielsweise interaktive Installationen mit Sensoren. Diese Sensoren sind Geräte, die unterschiedliche Daten der Menschen ablesen können, etwa ihre Position und ihren Abstand zueinander.
War es immer schon dein Wunsch, Performancekünstler zu werden?
Ja, den Wunsch hatte ich bereits im Alter von 15 Jahren, und damals habe ich mir auch meinen Künstlernamen Nick Acorne ausgedacht, den ich seither nie mehr geändert habe. Ich habe dann in der Ukraine ein Musikstudium abgeschlossen und war diplomierter Komponist, aber es gab dort damals sehr wenig Möglichkeiten für interaktive Kunst. Also bin ich nach Graz gekommen, wo ich zuerst ein Masterstudium an der Kunstuniversität absolviert und dann an der FH Joanneum Sound Design studiert habe.
Wie entstehen deine Projekte? Hast du Aufträge von Kunden oder sind das eigene Ideen, die du umsetzt und vermarktest?
Zum Ersten habe ich einige Soloprojekte als Künstler, bei denen ich mich selbst um Förderungen, Budgetierung, Outcome und Präsentationen kümmere. Zum Zweiten habe ich eine Kooperation mit dem Theater Nafta in meiner Heimatstadt Charkiw, einem unabhängigen und mittlerweile international tätigen Theater, für das ich Musik schreibe. Und zum Dritten gibt es dann noch unterschiedliche Museen oder Festivals, für die ich Performances oder Installationen umsetze.
Auf YouTube ist beispielsweise eine Performance von dir zu sehen, wie du dich kopfüber von übereinander gestapelten Klavieren abseilst und darauf spielst. Provokant gefragt: Steckt da ein Sinn dahinter oder ist das nur Unterhaltung des Publikums?
Auf künstlerische Art und Weise ist das eine Darstellung unseres Zeitgeistes. Ich zeige damit, dass wir mit Maschinen problemlos vieles bewältigen können, wir könnten auch die ganze Helmut-List-Halle mit Klavieren vollstopfen. Aber physikalisch gesehen sind wir dennoch sehr eingeschränkt, denn es ist uns unmöglich, all diese Klaviere gleichzeitig zu bespielen. Durch den Ortswechsel von einem Klavier zum nächsten entsteht außerdem eine Bewegungschoreografie, die Pausen erzwingt. So werden Raum und Zeit gemeinsam zu einem Kunstwerk.
Gerade hast du wieder ein Soloprojekt veröffentlicht: „The Last Meta Pop Album Ever Made“. Was kann man sich davon erwarten?
Wie immer habe ich versucht, meiner eklektischen Klangästhetik treu zu bleiben und alles reinzupacken. Mit „Meta“ ist die direkte Ansprache ans Publikum gemeint. Mein Album ist eine Schallplatte, die als Schallplatte zu den Zuhörern spricht und ihnen z. B. sagt, die Abspielgeschwindigkeit zu ändern, oder die Musik kommentiert. Dabei erzählt die Schallplatte, wie die Musik jetzt weitergehen könnte. So wird der Kommentar über die Musik ein Teil der Musik.
Und warum ist das „The Last“, also das letzte Meta-Pop-Album?
Weil die Zeit dieser Meta-Kommunikation in der Kunstszene eigentlich schon vorbei ist. Meta ist inzwischen alltäglich geworden und das bedeutet, dass sich die Kunst in eine andere Richtung entwickeln wird.
Copyright ©
ORF Musikprotokoll/M. Gross
Apropos entwickeln: Du hast ja sogar dein eigenes Musikinstrument entwickelt.
Ja, das Sensor Board. Der Hintergedanke war das Sichtbarmachen von elektronischer Musik. Bei einem klassischen Musikinstrument ergibt alles einen Sinn: Man drückt eine Taste auf einem Klavier, es kommt ein Ton. Bei elektronischer Musik am Laptop sieht das Publikum nichts. Man drückt eine Taste und es kommt vielleicht eine Vielzahl von Tönen. Ich habe aber immer eine physische Performance bevorzugt, bei der der Performer aktiv und präsent ist. Wie kann man also elektronische Musik sichtbar machen? Zuerst habe ich Game Controller wie Joysticks verwendet, aber da sitzt man eigentlich immer noch vor dem Laptop. Also habe ich das Sensor Board entworfen, das waren am Anfang nur zwei Jausenbretter mit Sensoren, die den Abstand zueinander und zum Boden gemessen und dadurch Töne erzeugt haben. Das habe ich dann weiterentwickelt; inzwischen verwende ich ein Sensor Wrist, also zwei Armbänder statt der Bretter, und spiele nur mit den Handgelenken.
Kann man dein Instrument irgendwo kaufen oder ist es eine Einzelanfertigung?
Es muss sehr speziell auf die eigenen Bedürfnisse programmiert werden, also ich denke, wenn es jemand kauft, liegt es eher nur daheim herum. Diese Art von Instrumenten kommt aber in der Kunsttherapie zum Einsatz, beispielsweise bei autistischen Kindern, die durch diese Art und Weise spielerisch dazu gezwungen sind, miteinander zu kommunizieren.
Infos zu Nick Acorne und seiner Arbeit gibt es unter www.nickacorne.com


