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Thomas TiggerTom Frühwirth
Was wir alle von Thomas „TiggerTom“ Frühwirth lernen können
Kleine Aufwärmübung für dich als Hochleistungssportler: Kannst du spontan aufzählen, wie viele Goldmedaillen du bei dir zu Hause in Edelsbach hängen hast?
Thomas Frühwirth: Ich glaube, es sind neun Weltmeistertitel und fünf Paralympics-Medaillen und ein paar Weltrekorde. Aber unterm Strich ist mir das ziemlich schei*egal. Ich liebe das Tun – das treibt mich an.
Warum ist dir der Output so wurscht? Schließlich trainierst du Jahr und Tag mit deinem Handbike und für Paratriathlons.
Dadurch bin ich immer sehr frei und relaxed. Ich bin unglaublich fokussiert im Training – aber Erfolge waren und sind nie das Ziel. Ich will einfach versuchen, 100 Prozent meines persönlichen Potenzials abzurufen.
Wenn du eine Medaille gegen irgendetwas in der Welt tauschen müsstest – was wäre es?
Ein ganz normaler, schöner Moment bei einer Trainingsausfahrt. Medaillen sind Nebenprodukte. Die motivieren mich nicht.
Deine Geschichte verläuft ja nicht wie eine Gerade, sondern eher wie eine kurvenreiche Schotterpiste. Du warst schon Motocross-Sportler und hast nach deinem Unfall trotz Querschnittslähmung sofort andere Sportarten zu trainieren begonnen. Wie konntest du so schnell in den „Jetzt erst recht“-Modus schalten?
Dieses große mentale Loch hatte ich nie. Eher: „Okay, shit happens. Es ist nicht vorbei. Schau, was du draus machen kannst.“ Mein Credo lautet seit 22 Jahren: Egal, was passiert – du kannst nur das Beste daraus machen.
Viele Menschen sind körperlich gesund, aber unzufrieden und warten auf bessere Umstände. Wie kommen wir da raus?
Ich rate wirklich jedem, mental zu arbeiten. Wir müssten damit im Kindergarten anfangen – „mentales Arbeiten“ als Unterrichtsfach, mindestens eine Stunde pro Woche.
Was bedeutet für dich „mentales Arbeiten“?
Im Prinzip geht’s um Selbstliebe: sich reflektieren, sich hinterfragen. Dann kannst du mit einschneidenden Erlebnissen leichter umgehen.
Und wenn jemand wirklich nach einem Schicksalsschlag im „Warum ich?“ festhängt?
Was hilft’s, wenn ich bis in die Unendlichkeit darüber sinniere? Es bewirkt nichts. Es fördert nur mein eigenes Unglück. Wenn ich etwas erreichen will, dann ist jetzt der Moment, dass ich was dafür tue. Wurscht, was in der Vergangenheit war.
Du sagst: „Glück ist nicht etwas, was man bekommt, sondern etwas, was man tut.“ Wie trainierst du Glück?
Ganz einfach: dir ein Lächeln schenken – und das ganz bewusst schon am Morgen vor dem Spiegel.
Du lachst ja auch beim Sprechen immerzu.
Ja. Ich bin ein Sonnenkind. Und mein wahrscheinlich größter Erfolg im Leben ist, dass ich mir meinen kindlichen Übermut und meine kindliche Lebensfreude nie habe nehmen lassen. Es geht um Einfachheit: In der Früh fünf bis zehn Sekunden investieren. Sich im Spiegel anschauen und sagen: „Ich liebe mich. Und ich liebe mein Leben.“
Das ist alles?
Ja. Das kann jeder machen – von 5 bis 105 Jahren. Kinder können es meist leicht sagen, Erwachsene tun sich schwer. Aber: Keiner kann vor sich selbst davonlaufen. Es kostet nichts, dauert zehn Sekunden – bringt aber unglaublich viel.
Viele gehen auf Vorträge, lesen Ratgeber, bei dir klingt das so einfach …
Das Tun ist das Wichtige. Wenn ich’s nicht tue, passiert nichts. Und es geht nicht darum, Gefühle hinter einem Lachen zu verstecken. Ich habe kein Problem, emotional zu sein, zu weinen. Aber wenn ich mir bewusst ein Lachen schenke, bewirkt das immer etwas Positives.
Du gehst in die 22. Saison als Parasportler. Wie viel davon ist mentale Höchstleistung?
Ohne Training passiert nichts. Der Aufwand, den ich betreibe, ist riesig: Ich bin 250 Tage im Jahr unterwegs – trainiere zwei- oder dreimal täglich an fünf bis sechs Tagen die Woche. Das sind 800 bis 1.100 Trainingsstunden im Jahr. Jeder Tag beginnt mit mentalem Arbeiten, Magnetfeldmatten und Rotlichttherapie. Aber gute Ernährung und ausreichend Schlaf sind das Fundament. Dann kommt das Training. Alles darüber hinaus ist die Frage: Wie gehst du mit dem Ganzen rundherum um?
Und deine Superkraft ist, dass du locker bleibst, wo sich andere verbeißen?
Es ist sicher eine meiner Stärken, dass ich nie das Ziel hatte, Weltmeister zu werden oder Paralympics-Medaillen zu machen. Ein langjähriger Wettkampfkollege von mir hat bei den Paralympics in Rio am Start gezittert vor Nervosität. Ich dachte: „Alter, nimm’s easy. Du kannst ja nicht mehr tun, als dein Bestes zu geben.“
Hast du Trainingstage, an denen nichts läuft – und wenn ja: Wie holst du dich da raus?
Am schwierigsten ist immer der Beginn. Wenn man mal drin ist im Tun, ist’s immer schön. Was hilft: an das Gefühl vom letzten Training denken, an die Aussicht, den Berg, den Moment. Dann besiegst du den berühmten Schweinehund. Aber generell muss ich sagen, auch bei harten Trainingslagern: Das alles ist Genuss, das ist keine Qual.
Du sprichst in Vorträgen gern von Achtsamkeit. Kann man das trainieren wie einen Muskel?
Ja. Bewegung ist für mich eine nicht endende Meditation. In diesem Tun finde ich totale Befriedigung. Das ist im Prinzip Achtsamkeit.
Wie sieht das konkret aus?
Vor dem Schwimmen zum Beispiel – bevor ich in den See steche – setze ich mich kurz hin und schau ein paar Sekunden raus. Ich sauge das ein.
Schönste Radstrecke deines Lebens?
Ich bin schon auf jedem Kontinent gefahren, mehrfach. Eigentlich schon fast in jedem Land der Welt. Aber die schönste Runde ist meine Standardrunde: Edelsbach über Gnas, Straden, Bad Radkersburg, zurück über St. Anna, Fehring, Riegersburg. Heimatrunde. Da find ich immer wieder neue Eindrücke.
Also: ganze Welt gesehen – und trotzdem „daheim“ als am schönsten entdeckt?
Trainingstechnisch ist die Südoststeiermark ein Paradies. Nebenstraßen, Hügel, wenig Verkehr – das gibt’s weltweit kaum. Ich kann fünf Stunden fahren und sehe 20 Autos.
„TiggerTom“ – stimmt das Gerücht, dass dein Zweitname vom Tigger aus Winnie Puuh kommt?
Genauso ist es. Ich hatte am Anfang ein Problem mit dem Selbstmarketing – „thomasfruehwirth.at“ klingt halt nach … na ja. Ich sehe mich irgendwo auch als Künstler, also habe ich einen Künstlernamen gebraucht. Jemand hat mich einmal mit dem Tigger verglichen: nie Ruhe geben, immer gut drauf. Und so ist „TiggerTom“ entstanden.
Wofür sagst du am lautesten Danke?
Danke sage ich jeden Abend vorm Einschlafen. Und erinnere mich sinngemäß an ein Zitat von Mark Aurel: „Da draußen drehen sich Milliarden Galaxien. Auf diesem Planeten gibt es Billionen Lebewesen. Ich bin nur ein Mensch. Aber ich bin der Schöpfer meines Universums. Eigentlich bin ich schon tot – und dieser Tag ist nur ein weiterer Bonustag. Danke für diesen wunderbaren Tag.“ Egal, was passiert, egal, ob gut oder schlecht – es ist eine Erfahrung. Ich will kein Denkmal hinterlassen – ich will Achtsamkeit und Dankbarkeit dem Tag gegenüber ausdrücken.
Rekordmann und Weltreisender
20.000 km im Jahr legt Thomas „TiggerTom“ Frühwirth (44) im Jahr mit seinem Handbike zurück. Im Paratriathlon hat er Weltrekorde erzielt.
Weltreisender mit Weltrekorden. Thomas Frühwirth hat als Para-Hochleistungssportler schon 540 Rennen in fast allen Ländern der Welt bestritten.
Eine der liebsten Trainingsstrecken führt ihn dennoch von seinem Heimatort Edelsbach über Straden nach Mureck und über St. Anna am Aigen und Fehring wieder zurück.
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